Roberto Rodrigues

Zwischen Erhalt
und Wachstum

Roberto Rodrigues
Roberto Rodrigues
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) haben erklärt, dass die brasilianische Landwirtschaft doppelt so schnell – also um 40 Prozent – wachsen muss, damit sich die weltweite Nahrungsmittelversorgung bis 2020 um 20 Prozent erhöht. Unser Agrarsektor profitiert zwar von einigen exklusiven Vorteilen, kämpft aber auch mit zahlreichen Problemen. Was also hat die OECD und die FAO veranlasst, eine so ehrgeizige Vision für Brasilien zu formulieren?

Das Staatsgebiet Brasiliens umfasst 851 Millionen Hektar. Davon werden 72 Millionen Hektar bewirtschaftet. Weitere 20 Prozent dienen als Weideland. 61 Prozent unseres Staatsgebiets sind Urwald und älter als die Entdeckung Brasiliens. Wir haben berechnet, dass 85 Millionen zusätzliche Hektar bewirtschaftet werden könnten. Von dieser potenziellen Anbaufläche – zehn Millionen Hektar ließen sich durch Umwandlung von bestehendem Weideland gewinnen – könnten jedoch aufgrund strenger Forstgesetze nur rund 15 Millionen Hektar tatsächlich bewirtschaftet werden. Der Nachhaltigkeitsgedanke ist demzufolge heutzutage deutlich ausgeprägter in der brasilianischen Privatwirtschaft als noch vor ein paar Jahren.

Nachhaltige Technologie 

Das Streben nach Nachhaltigkeit zeigt sich auch in der landwirtschaftlichen Technologie. Brasilien hat sich technologisch enorm entwickelt und kann beeindruckende Zahlen vorweisen. In den vergangenen zwanzig Jahren ist die Anbaufläche für Getreide um 40 Prozent gestiegen, während sich gleichzeitig die Getreideproduktion um 220 Prozent erhöht hat. Wenn wir diese Zahlen mit der Produktivität von vor zwanzig Jahren vergleichen, bräuchten wir zusätzliche 68 Millionen Hektar, um die Ernte dieses Jahres einzufahren. Das heißt, unsere Technologie ist nachhaltig. Anders gesagt: Wir haben die Produktivität so sehr erhöht, dass wir 68 Millionen Hektar einsparen konnten. Daran erkennt man, wie wichtig der technische Fortschritt und die fachliche Kompetenz der Arbeitskräfte für unser Land sind – was uns zum nächsten Punkt bringt.

2013 erwirtschaftete die brasilianische Agrarwirtschaft einen Handelsbilanzüberschuss von 83 Milliarden USD. Wachstum ist und bleibt eine Konstante unserer Agrarwirtschaft, die immer mehr exportiert und immer weniger importiert: Von 2002 bis 2013 hat die brasilianische Agrarwirtschaft ihre Exporte von 25 Milliarden auf 100 Milliarden USD nahezu vervierfacht. Andere Wirtschaftszweige Brasiliens haben dagegen zu kämpfen. Dies schlägt sich auch in der brasilianischen Handelsbilanz nieder, die 2013 einen Überschuss von gerade mal 2,6 Milliarden USD verzeichnete. Die Agrarwirtschaft ist mittlerweile also die wichtigste Stütze der nationalen Handelsbilanz. Dabei war die Hälfte dieses Zeitraums durch eine der größten Finanzkrisen der internationalen Geschichte gekennzeichnet. Dies zeigt, dass die Wettbewerbsfähigkeit der brasilianischen Landwirtschaft nicht nur von der Technologie getragen wird, sondern vor allem auch vom Know-how unserer ländlichen Produzenten. Sie haben sich zudem zu wichtigen Bewahrern der natürlichen Ressourcen wie Wasser entwickelt – einem weiteren wichtigen Vorteil Brasiliens gegenüber anderen Ländern. Nur wenige Länder verfügen über ähnliche Wasservorkommen wie Brasilien. Alle diese Faktoren haben die OECD und die FAO zu der Annahme veranlasst, Brasilien könne seine Nahrungsmittelproduktion – innerhalb von nur zehn Jahren – um 40 Prozent erhöhen.

Brasilianischer Außenhandel
Brasilianischer Außenhandel

Die brasilianische Landwirtschaft steht andererseits aber auch vor beachtlichen Herausforderungen. Die Logistik und die Infrastruktur stellen das Hauptproblem dar. Brasilien hat viele Jahre nicht in diesen Bereich investiert. Erst jetzt hat die Regierung begonnen, selbst Maßnahmen zu ergreifen; unter anderem indem sie öffentlich-private Partnerschaften gegründet und Konzessionen vergeben hat. Für einige Straßen wurden bereits Ausschreibungen durchgeführt. Ausschreibungen für Häfen und Eisenbahnen sollen nun folgen. Dieser Engpass wird also langsam beseitigt. Mit ersten Ergebnissen ist jedoch erst in drei Jahren zu rechnen. Bis dahin werden wir mit logistischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Problematisch ist zudem die fehlende Einkommenspolitik für den ländlichen Raum. Das aktuelle Versicherungsgesetz für den ländlichen Raum wird zurzeit vom Parlament überarbeitet und soll künftig einen Katastrophenfonds vorsehen. Wir wollen diese Entwicklung jedoch weiter vorantreiben und den ländlichen Versicherungsschutz auf das Niveau der Industrienationen anheben. Andere Mechanismen wie Agrarkredite, Kreditflexibilität und Kreditinstrumente, die die Abhängigkeit der Landwirte verringern, sind ebenfalls Ansatzpunkte, die langsam, aber sicher aufgegriffen werden. Die Grundidee besteht darin, die Privatisierung fortzusetzen, den bürokratischen Aufwand zu verringern und der Börse mehr Gewicht zu verleihen.

Chancen überwiegen 

Ein Engpass ist auch die mangelnde Entschlossenheit in der Handelspolitik. Es fehlt an bilateralen Abkommen und politischen Strategien, mit denen wir mehr Kapital aus unseren Rohstoffen erhalten. Wir müssen weniger Rohstoffe und mehr weiterverarbeitete Produkte verkaufen. Die fehlende Unterstützung der Politik ist ein Thema, das mit großem Nachdruck diskutiert wird. Tatsächlich fallen 40 Prozent der international gehandelten Nahrungsmittelprodukte unter bilaterale oder multilaterale Abkommen mit reduzierten Zollsätzen oder strengen Quoten. Fest steht, dass wir ohne eine entsprechende Politik die Märkte, die wir uns in den vergangenen Jahren erobert haben, wieder verlieren werden.

Ein letztes Problem ist institutioneller Art: Es gibt in Brasilien vier verschiedene Ministerien für Landwirtschaft, familiäre Landwirtschaft, Fischerei und Forstwirtschaft. Sie alle kämpfen um dieselben finanziellen Mittel, wodurch Effizienzverluste entstehen. Die institutionellen Strukturen müssen reorganisiert und besser auf die Bedeutung des Agrarsektors abgestimmt werden. Die Landwirtschaft erwirtschaftet zwar 23 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und hat einen Anteil von 30 Prozent an der Erwerbsbevölkerung, doch ihr großer Stellenwert scheint erst jetzt klarzuwerden. 2014 bietet eine weitere interessante Neuigkeit: die Präsidentschaftswahlen. Erstmals seit vielen Jahrzehnten gehen die offiziellen Kandidaten auf die Spitzen der Agrarwirtschaft zu, um mit ihnen über grundlegende Strategien zu diskutieren. In den vergangenen 40 Jahren waren es führende Agrarvertreter, die auf die Kandidaten zugingen, um auf eine stärkere Förderung ihres Sektors zu drängen, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. Augenblicklich scheint es, dass sich der Wind gedreht hat, und es besteht die große Hoffnung, dass die Chancen dieses Mal die Risiken überwiegen und die Probleme überwunden werden.

Von Roberto Rodrigues

Roberto Rodrigues

„Wir haben die Produktivität so sehr erhöht, dass wir 68 Millionen Hektar eingespart haben. Das heißt, unsere Technologie ist nachhaltig.“

Roberto Rodrigues ist ein hochrangiger Vertreter der brasilianischen Agrarwirtschaft, der von Januar 2003 bis Juni 2006 an der Spitze des brasilianischen Landwirtschaftsministeriums stand.

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Von Sonnenblumen und Bohnenfeldern