Landwirtschaft in Brasilien

Die Soja-Champions

Landwirtschaft in Brasilien
Landwirtschaft in Brasilien - Die Soja-Champions
Der Sojaanbau hat der brasilianischen Landwirtschaft in den vergangenen Jahren ein rasantes Wachstum beschert. Gleichzeitig entwickelt sich der Agrarsektor des Landes zu einem der nachhaltigsten der Welt.

Es begann während der Ära des Fußballkönigs Pelé. Von 1958 bis 1970 verhalf er der brasilianischen Fußballnationalmannschaft zu drei Weltmeisterschaften – Brasilien stieg dank ihm zu den erfolgreichsten Fußballnationen der Welt auf. Die Gründung des staatlichen Agrarforschungsinstituts EMBRAPA in den frühen 1970er Jahren hatte einen ähnlichen Effekt – nicht auf den brasilianischen Fußball, wohl aber auf die brasilianische Landwirtschaft. Es stellte die Weichen für Entwicklungen, die das südamerikanische Land in eine Kornkammer der Welt verwandeln sollten. Heutzutage können nur noch wenige Länder mit der Agrarkompetenz Brasiliens mithalten. Dank moderner Technologien und Methoden haben brasilianische Landwirte ihre Produktion in den vergangenen 20 Jahren allein im Sojaanbau um mehr als 250 Prozent gesteigert. Zur gleichen Zeit hat die tropische Landwirtschaft Brasiliens seine Effizienz konsequent verbessert. Für die Zukunft strebt der Sektor nun nach einer größeren Nachhaltigkeit.

Pflanzeneigenschaften haben einen direkten Einfluss auf die Ernte. Brasilianische Sojabauern verwenden schnell reifende Sorten, die an das lokale Klima angepasst sind, um nach der ersten Ernte sofort ein zweites Mal aussähen zu können. Ein wirksamer Pflanzenschutz ist wichtig, um die Sojapflanze gesund zu halten und ihr Ertragspotenzial vollständig auszuschöpfen.

„Der große Boom begann, als EMBRAPA neue Sojasorten einführte, die speziell für die Savannen im mittleren Westen Brasiliens gezüchtet wurden“, erklärt Gerhard Bohne, der damalige Leiter Business Operations von Crop Science Brasilien. „Dieser Schritt hat die Sojapflanze als Hauptanbaukultur in der brasilianischen Landwirtschaft etabliert“, so Bohne weiter. In den 1970er Jahren wurde die Hülsenfrucht im Süden Brasiliens immer erfolgreicher. Dank des milden Klimas bot der Süden ähnliche Bedingungen wie die südlichen USA – die Heimat der ursprünglich eingeführten Sorten. Doch aufgrund der hohen Gewinne wurde Ackerland in der Region schon bald knapp und teuer. Von der Idee getrieben, mehr Geld mit der Bewirtschaftung größerer Flächen zu verdienen, verkauften viele Sojabauern ihre kleinen Betriebe im Süden und ließen sich auf größeren Flächen in der Savanne nieder, die auch als „Cerrado“ bekannt ist. Dort war Land billig und reichlich vorhanden.

Brasilianische Ökozonen

Der Cerrado (brasilianische Savanne) befindet sich auf der großen Hochebene im Landesinneren Brasiliens. Beeinflusst von den vier umliegenden Ökozonen sind Fauna und Flora des Cerrado extrem reichhaltig und das Klima heiß und wechselfeucht.

Größte Sojaanbauregion

Die bestehenden Sorten kamen zunächst überhaupt nicht mit den Bedingungen der geringeren Breitengrade des Cerrado zurecht. Deshalb folgten Forschungsinstitute wie das EMBRAPA den Pionieren und suchten nach neuen Technologien, um den Anbau an der Sojagrenze zu ermöglichen. Die Pflanzen mussten an die geringeren Sonnenstunden und ein völlig anderes Klima angepasst werden. Durch strategische Züchtung und Biotechnologie gelang es schließlich, billiges, unproduktives und unbewohntes Land allmählich in die wichtigste landwirtschaftliche Anbauregion zu verwandeln. Die Böden des Cerrado sind zwar nährstoffarm, aber weisen gute physische Eigenschaften wie eine flache Topographie und eine gute Niederschlagsverteilung während der Anbausaison auf. Größter Sojaproduzent Brasiliens ist zurzeit der riesige Bundesstaat Mato Grosso im Landesinneren. Er ist flächenmäßig größer als Frankreich und Deutschland zusammen und produziert mehr als ein Viertel der gesamten Sojaernte Brasiliens.

„Der Erfolg des Sojaanbaus in Mato Grosso zeigt, dass verbesserte Sorten dazu beigetragen haben, die Produktivität je Hektar kontinuierlich zu steigern und die Notwendigkeit einer horizontalen Ausdehnung verringert haben. Das nennen wir vertikales Wachstum“, erläutert Bohne. Neue Sorten sind aber nur ein Beispiel für die tropische Technologie Brasiliens. Einer der größten Sojaproduzenten im Westen von Mato Grosso ist die Tucunaré-Farm des Agrarkonzerns AMAGGI in der Stadt Sapezal. Auf einer Fläche von 42.000 Hektar werden pro Ernte weit über 3,3 Tonnen der goldenen Bohnen eingefahren. Seit einiger Zeit setzt die Farm auch Mobiltechnologie ein, um den Zustand der Felder im Detail zu kontrollieren. „Wir haben über 100.000 USD in die Softwareentwicklung und GPS-gestützte Tablet-Computer investiert“, sagt Ricardo Moreira, der die Produktion auf der Farm überwacht. Die Tablets haben die Formblätter ersetzt, in die ursprünglich die Felddaten eingetragen wurden. Während ein Team von Feldkontrolleuren die Felder der Farm abschreitet, wird jeder ihrer Schritte per GPS erfasst. „Auffälligkeiten in den Feldern können wir mit der Software in Echtzeit erfassen und sogar mit einem Bild oder einer aufgezeichneten Sprachnotiz dokumentieren“, berichtet Moreira. Die von den Kontrolleuren gemeldeten Daten zum Schädlings- und Krankheitsbefall sind dabei auf mehrere Quadratmeter genau. Die genaue Position wird automatisch auf einer digitalen Karte markiert. „Vorher dauerte es drei bis fünf Tage, bis die Unternehmenszentrale über die Daten verfügte. Dort musste man sie zudem erst in das System eingegeben, bevor sie analysiert werden konnten“, erklärt Moreira.

Virtuelle Farm

Wenn die Feldkontrolleure jetzt am späten Nachmittag zur Farm zurückkehren, synchronisieren sie ihre gesammelten Daten drahtlos und leiten sie an die Fachkräfte in der Konzernzentrale von AMAGGI Agro in Cuiabá, der Hauptstadt von Mato Grosso, weiter. Dort erstellt ein Programm automatisch Berichte und Warnhinweise. Tags darauf erteilen die leitenden Mitarbeiter, anhand der Hunderte von Kilometern entfernt gesammelten Daten, die Arbeitsaufträge für ihre Kollegen auf dem Feld. Neben der Überwachungssoftware haben die Feldkontrolleure auch Zugriff auf elektronische Dokumente, die ihnen ihre tägliche Arbeit erleichtern. Dazu zählen Karten der Farm, Gebrauchsanleitungen für Maschinen oder Gesundheits- und Sicherheitsanweisungen. Dadurch sind die eingesetzten Kontrollmaßnahmen zielgerichteter und die Kosten geringer. Pedro Valente, Leiter des Agrargeschäfts von AMAGGI: „Wir konnten so bereits die Maschinenstunden verringern und den Kraftstoffverbrauch senken. Außerdem hat sich die Pflanzenproduktivität insgesamt verbessert.“

Die neuen Ansätze in der tropischen Landwirtschaft Brasiliens gehen aber noch weiter. „Wir fördern verschiedene Methoden, die sich im ganzen Land als erfolgreich erweisen werden“, sagt Divânia de Lima, Mitarbeiterin des Forschungsinstituts EMBRAPA. Zwei dieser Methoden werden auf der Farm „Ribeiro do Céu“ des V-Agro-Konzerns nahe Nova Mutum in Mato Grosso praktiziert: Die erste ist die Biologische Stickstoff-Fixierung (BSF). „Neben der Photosynthese ist die BSF eine der wichtigsten natürlichen Prozesse auf dem Planeten“, meint Betriebsleiter Volnei Vasconcelos Vieira. Knöllchenbakterien gehen eine Symbiose mit den Wurzeln von Hülsenfrüchten ein und bilden knötchenartige Strukturen. Dort fixieren sie den atmosphärischen Stickstoff. Dieser Stickstoff wird umgewandelt und der Wirtspflanze zur Verfügung gestellt. Die brasilianische Agrarforschung hat Dutzende solcher Bakterien identifiziert, die den Stickstoff für verschiedene Pflanzen verwertbar machen. Den größten wirtschaftlichen Vorteil daraus zogen aber die Sojaproduzenten des Landes. „BSF kann den gesamten Stickstoffbedarf der Pflanze decken, selbst den von Hochertragssorten“, sagt Vieira. Die Methode wird nun in allen brasilianischen Sojaanbauregionen genutzt – insgesamt auf rund 24 Millionen Hektar. Weil Farmer deshalb weniger konventionellen Stickstoffdünger benötigen, bringt die BSF landesweit eine jährliche Ersparnis von rund sieben Milliarden US-Dollar. Eine weitere gängige Bewirtschaftungsmethode ist die Direktsaat.

Volnei Vasconcelos Vieira, Betriebsleiter bei V-Agro

Die Direktsaat beruht auf drei Grund-prinzipien: Vor der Saat wird nicht gepflügt, der Boden bleibt das ganze Jahr über mit Ernterückständen bedeckt, und es werden regelmäßige Fruchtwechsel eingesetzt.

Volnei Vasconcelos Vieira, Betriebsleiter bei V-Agro
52.000

2014 bewirtschaftet die Ribeiro-do-Céu-Farm des V-Agro-Konzerns über 52.000 Hektar Land.

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Doppelte Ernte

„Die Direktsaat zählt zu den effektivsten und nachhaltigsten Ackerbaumethoden der heutigen Zeit“, erklärt Vieira. Sie beruht auf drei Grundprinzipien: Vor der Saat wird nicht gepflügt, der Boden bleibt mit Ernterückständen bedeckt, und es werden regelmäßige Fruchtfolgen eingesetzt. Diese Methode bietet zahlreiche Vorteile: „Die Direktsaat minimiert die Bodenerosion, erhält durch die Anreicherung von organischem Material die Bodeneigenschaften und reduziert in erheblichem Maße die Energie- und Produktionskosten“, sagt de Lima. Die brasilianischen Landwirte können dadurch zwei Mal im Jahr ernten, indem sie direkt nach der Sojaernte Mais, Weizen oder Baumwolle säen.

Weiter südlich in Paraná – der zweiten landwirtschaftlichen Hochburg Brasiliens – praktiziert Vinicius Formighieri Lazarini eine vielversprechende Methode: „Das integrierte System von Ackerbau, Viehzucht und Forstwirtschaft (CLFIS) ist eine der wichtigsten Strategien für eine nachhaltige Agrarproduktion. Mit ihm ist es möglich, Ackerbau, Viehzucht und Forstwirtschaft in ein und derselben Region zu betreiben“, erklärt Lazarini. Er hat die Leitung des 1.200 Hektar großen Familienbetriebs nahe Cascavel übernommen. Neben der Hauptanbaukultur Soja produziert sein Betrieb noch Mais, Weizen, Hafer, Bohnen und Rindfleisch. Bei einer bestimmten Methode des CLFIS werden Marktfrüchte wie beispielsweise Sojabohnen zwischen Baumreihen gesät, kurz nachdem die Bäume gepflanzt wurden. Anschließend werden auf der Fläche Futtermittel für die Viehzucht angebaut. Das Grün zwischen den Baumreihen wird beweidet, bis die Bäume reif für die Ernte sind. Diese Methode ist sinnvoll, um heruntergekommenes Weideland, das zu einem großen Problem in Brasilien geworden ist, wieder aufzuwerten. „Die Vorzüge dieses Verfahrens bestehen darin, dass sich der Abholzungsdruck verringert, die Landwirte ihr Einkommen auf eine breitere Basis stellen können und Treibhausgasemissionen reduziert werden“, erklärt de Lima.

Divânia de Lima setzt sich als Sojaexpertin des staatlichen Forschungsinstituts EMBRAPA für nachhaltige Methoden in der Landwirtschaft ein.

Wir müssen jetzt nach Lösungen suchen, mit denen wir die Nahrungsmittelproduktion nachhaltig steigern können.

Divânia de Lima setzt sich als Sojaexpertin des staatlichen Forschungsinstituts EMBRAPA für nachhaltige Methoden in der Landwirtschaft ein.

Brasilianische Agrarproduktion

Die brasilianische Sojaproduktion ist seit 2012 um über 80 Millionen Tonnen gestiegen. Das Land ist auf dem besten Weg, in naher Zukunft zum größten Sojaproduzenten weltweit aufzusteigen.

Quelle: FAOSTAT

Wirksamer Pflanzenschutz

Alle diese Beispiele haben die brasilianische Landwirtschaft hochproduktiv gemacht. „Ohne hochwirksame Pflanzenschutzmittel wäre das alles aber nicht möglich gewesen“, sagt Lazarini. Das tropische Klima und die anderen Vorzüge des Landes bieten gleichzeitig auch beste Bedingungen für Schädlinge und Krankheiten. „Jedes Jahr gibt es deswegen neue Probleme“, so Lazarini weiter. Zwei der Hauptschuldigen, für die Bayer effektive Lösungen entwickelt hat, sind die Raupe Helicoverpa und ein Pilz, der auch als Asiatischer Sojarost bekannt ist. „Wir haben verschiedene Produkte, die in Brasilien sehr bekannt sind und häufig eingesetzt werden, um Sojafelder vor Schädlingen und Krankheiten zu schützen“, erklärt Bohne. Ein weiteres Problem sind Nematoden: Fadenwürmer, die die Wurzeln der Pflanze befallen und sich schnell verbreiten. Bayer entwickelt hierfür neuartige biologische Lösungen, die eine natürliche Barriere in Form von Bakterien bilden. Im Bereich der Unkrautbekämpfung arbeitet Bayer zurzeit an der Entwicklung neuer Sorten mit Glufosinat-Toleranz. Sie stellen eine vielversprechende Lösung im Kampf gegen Unkrautresistenzen dar und werden in zwei Jahren auf dem brasilianischen Markt erhältlich sein. „Biologische Pflanzenschutzlösungen und -eigenschaften, konventionelle Produkte, Saatgutbehandlung und Serviceleistungen sind unsere vier Säulen eines integrierten Pflanzenbaus“, sagt Bohne.

Technologien wie die von Bayer und Initiativen unter Leitung des EMBRAPA machen Brasilien zu einem der nachhaltigsten Produzenten von Nahrungs- und Futtermitteln weltweit. Und das ist auch dringend notwendig: Sowohl die OECD als auch die FAO sehen Brasilien nach wie vor als eine der wichtigsten Stützen für die globale Ernährungssicherung. „In den vergangenen 40 Jahren sind wir einer der größten Produzenten und Exporteure für Agrargüter geworden. Wir müssen jetzt nach Lösungen suchen, mit denen wir die Nahrungsmittelproduktion nachhaltig steigern können“, stellt Divânia de Lima mit Blick auf die Zukunft fest.

Dank des tropischen Klimas können in Brasilien jedes Jahr zwei verschiedene Kulturen auf einem Feld angebaut werden. Soja ist in der Regel die Hauptkultur. Nach der Ernte zwischen Ende Januar und Anfang April wird überwiegend Mais, Weizen oder Baumwolle als Zweitfrucht gesät. Innovative Agrarmethoden und -techniken helfen, größtmögliche Erträge zu sichern.

Neben dem guten Klima trägt die Direktsaat zu kurzen Fruchtfolgen in Brasilien bei. Diese Anbaumethode erhöht die Bodenfruchtbarkeit und beugt Bodenerosion vor. Bayer CropScience betreibt mehrere Soja-Forschungszentren in Brasilien.
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