Herbizidresistenz weltweit bekämpfen
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Den Kreislauf stoppen Den Kreislauf stoppen

Herbizidresistenz weltweit bekämpfen - Den Kreislauf stoppen
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Die Resistenzbildung bei Unkräutern ist weltweit ein ernstes Problem. Mit vereinten Kräften arbeiten Wissenschaftler, Erfinder und Landwirte auf der ganzen Welt an Gegenmaßnahmen. Ihre Schlüsselstrategie: Wissensaustausch.

Diese Gewächshäuser bieten Ungewohntes: Statt Nutzpflanzen wachsen hier Unkräuter! Die Pflanztöpfe stehen nach Art und Größe sortiert in Reih und Glied. Um Aufzucht und Pflege kümmern sich Harry Strek, Biologe und Experte für Unkrautbekämpfung bei Bayer, und sein Forscherteam. Aber damit ist ihre Arbeit längst nicht getan: Die Forscher vergleichen mit Herbiziden behandelte und unbehandelte Unkräuter und untersuchen in den angrenzenden Labors deren Erbgut. „Wir versuchen, die Ursachen von Herbizidresistenzen besser zu verstehen, und suchen nach Methoden und Strategien zur Bekämpfung des Problems“, erläutert Strek. Die Ergebnisse helfen Landwirten auf der ganzen Welt.

Das Forscherteam arbeitet in den Räumlichkeiten des neu gegründeten Weed Resistance Competence Center (WRCC) in Frankfurt am Main. Der Standort kann eine 10-jährige Erfahrung bei der Erforschung von Herbizidresistenzen vorweisen und dient Bayer als weltweites Kompetenzzentrum für diesen Themenkomplex. Hier arbeiten 14 Vollzeit-Mitarbeiter in drei Bereichen: Sie untersuchen Resistenzmechanismen und ihre Evolution auf dem Feld, entwickeln und testen neue Strategien der Unkrautbekämpfung und fördern den Wissensaustausch innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette. „Bayer ist sich absolut bewusst, welche Bedrohung für die Landwirtschaft von herbizidresistenten Unkräutern ausgeht“, so Strek.

Der Biologe Harry Strek und sein Forscherteam in Frankfurt arbeiten eng zusammen mit Experten der Unternehmenszentrale von Bayer CropScience und Wissenschaftlern, Zulassungsbehörden, Vertriebspartnern und Landwirten auf der ganzen Welt.

Herbizidresistenz kann jeden treffen, der Nutzpflanzen anbaut. Letztlich entscheiden die Landwirte ganz allein, was auf ihren Äckern geschieht.

Harry Strek, Biologe und Experte für Unkrautbekämpfung am Weed Resistance Competence Center bei Bayer in Frankfurt
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verschiedene Unkrautarten haben Resistenzen gegen gebräuchliche Herbizide gebildet und können Eintragseinbußen bis zu 100 Prozent verursachen.
(Stand: März 2016)

Neben den Arbeiten am Standort Frankfurt führt der Konzern eine ganze Reihe von Aktivitäten an anderen Orten durch. „Wir tauschen uns mit Experten der Unternehmenszentrale von Crop Science in Monheim und anderen Ländern aus, aber auch mit Wissenschaftlern, Zulassungsbehörden, Vertriebspartnern und Landwirten auf der ganzen Welt.“ Zu den Kooperationspartnern des Kompetenzzentrums gehört auch die Australian Herbicide Resistance Initiative (AHRI) mit Sitz an der Universität von Western Australia in Perth. Ihr Leiter Prof. Stephen Powles ist sowohl in Australien als auch international als führender Agrarexperte anerkannt. Herbizidresistenzen zeichneten sich für Powles schon vor Jahren ab: „Das Problem ist in Australien erstmals vor rund 30 Jahren aufgetreten“, erinnert er sich.

Früher prägten ausgedehnte Weidelandschaften mit Millionen von Schafen und kleineren Ackerbaubetrieben die australische Landwirtschaft. Der intensive Anbau von Grundnahrungspflanzen, die wachsenden Ackerflächen und der Rückgang der Viehzucht förderten die Ausbreitung von Unkräutern wie Weidelgras, das in der Vergangenheit noch als Futterpflanze genutzt wurde. „Die Landwirte behandelten große Gebiete mit Herbiziden. Sie verwendeten allerdings zu oft Pflanzenschutzmittel mit derselben Wirkungsweise. So bildeten die Unkräuter sehr schnell Resistenzen“, fügt Powles hinzu. Dazu gehört das einjährige Weidelgras. Aber viele andere häufige Unkrautarten sind heute ebenso resistent gegen ehemals gut wirksame Herbizide. Powles und Strek arbeiten mit ihren Mitarbeitern an der Erforschung neuer Strategien, um diese Resistenzen in Schach zu halten und ihre Weiterentwicklung zu bremsen. Die Zusammenarbeit zwischen der AHRI und dem WRCC bietet viele Vorteile: „Bayer gehört zu unseren engen Partnern, wir stehen in ständigem Austausch miteinander. Wir nutzen wissenschaftliches Know-how von Bayer, das wir hier nicht nachbilden können, und umgekehrt“, sagt Powles. Beide Institute legen großen Wert darauf, ihre Forschungsergebnisse einem breiten Publikum zugänglich zu machen: „30 Prozent unseres Budgets investieren wir in Kommunikation. Forschung ist nur dann sinnvoll, wenn die Ergebnisse auch bekannt gemacht werden“, so Powles.

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Wissensaustausch

Harry Strek in Frankfurt sieht das ähnlich: „Wir möchten stimmige Daten auf Grundlage solider wissenschaftlicher Erkenntnisse liefern. Die Farmer müssen verstehen, dass Herbizidresistenz jeden treffen kann, der Nutzpflanzen anbaut. Aber letztlich entscheidet allein der Landwirt, was auf seinem Acker geschieht.“ Strek besucht Landwirte auf der ganzen Welt, um Einblicke in die Verhältnisse vor Ort zu gewinnen und seine Erfahrungen weiterzugeben. Bei diesen Besuchen übersetzen Strek und sein Team ihre Forschungsergebnisse in konkrete Botschaften: „Die Landwirte sollen verstehen, was ihr Handeln für die Nachhaltigkeit bei Anbau und Unkrautbekämpfung bedeutet. Sinnvoll sind eine standortgerechte Fruchtfolge und die Anwendung wechselnder Herbizide in Kombination mit nicht chemischen Maßnahmen. Wird ausschließlich auf einen Wirkungsmechanismus zurückgegriffen, erhöht sich das Potenzial für die Bildung neuer Resistenzen deutlich“, erklärt Strek.

Vielfalt und Anbaukenntnis entscheiden über den Erhalt der Wirksamkeit.

Craig White, australischer Leiter von Projekten zur integrierten Unkrautkontrolle

Bayer steht auch über seine lokalen Berater weltweit mit Landwirten in Verbindung. Craig White zum Beispiel ist einer der technischen Berater von Bayer im Bundesstaat Western Australia. Er und seine Kollegen sind das Bindeglied zwischen dem WRCC in Deutschland und den Landwirten in Down Under. White erläutert: „Wir senden Proben von Unkräutern, die auf australischen Äckern wachsen, zur Untersuchung an WRCC-Mitarbeiter in Deutschland. Später liefert uns das WRCC die Ergebnisse und wir leiten aus diesen Daten konkrete Empfehlungen ab.“ Oft lässt sich sein Rat so zusammenfassen: Aufbau eines gesunden Nutzpflanzenbestands, um Unkräuter zu unterdrücken, ausgewogene Fruchtfolgen, standortgerechte Bodenbearbeitung und wohlüberlegter Herbizideinsatz. „Vielfalt ist der Schlüssel und gute ackerbauliche Kenntnisse sind die Voraussetzung dafür, die Wirksamkeit der Herbizide zu erhalten. Die Zeiten, in denen es reichte, einfach zu spritzen, sind vorbei. Wir müssen die chemischen Ressourcen klug einsetzen. Dafür brauchen wir Know-how und Verstand“, erklärt White.

Erfindergeist

Im Kampf gegen Herbizidresistenzen hilft auch der australische Einfallsreichtum. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür liefert der Landwirt und Erfinder Raymond Harrington. Mit seiner völlig neuen Idee – dem Harrington Seed Destructor, kurz „HSD“ – begegnet er erfolgreich resistenten Unkräutern. Die gewaltige Maschine ist 3,2 Meter hoch und wiegt über fünf Tonnen. Hinter einen Mähdrescher gespannt zermalmt sie Unkrautsamen, bevor diese in den Boden gelangen, und verhindert so ihr Auskeimen. „Der HSD beruht auf einem simplen Prinzip. Es geht darum, Unkraut in verschiedenen Lebensphasen zu bekämpfen. Wenn wir den Keimzyklus durchbrechen, können wir das Unkraut besiegen“, so Harrington. Powles und die AHRI arbeiten seit 2005 mit Harrington zusammen, den sie mit Mitteln der Grains Research and Development Corporation (GRDC) bei der Markteinführung der Maschine unterstützt haben. Beide Männer hoffen, dass sich der HSD grenzüberschreitend auch in Nordamerika und anderen Ländern durchsetzt. „Wir führen einen weltweiten Kampf gegen Unkraut. Um zu gewinnen, benötigen wir alle zur Verfügung stehenden Mittel“, sagt Harrington.

Raymond Harrington ist der Erfinder des „Harrington Seed Destructor“, einer mechanischen Lösung für den Kampf gegen Unkräuter.
Raymond Harrington ist der Erfinder des „Harrington Seed Destructor“, einer mechanischen Lösung für den Kampf gegen Unkräuter.
Raymond Harrington ist der Erfinder des „Harrington Seed Destructor“, einer mechanischen Lösung für den Kampf gegen Unkräuter.

Herbizidresistente Unkrautarten ausgewählter Länder

Anzahl herbizidresistenter Unkrautarten
Quelle: International Survey of Herbicide Resistant Weeds

Auch Tim Scott engagiert sich im Kampf gegen Herbizidresistenzen. Scott leitet eine Farm in Arthur River im Südwesten des Bundesstaates Western Australia und arbeitet als Experte für das landwirtschaftliche Beratungsunternehmen Agvivo. „Wir erfassen die Unkrautpopulation und die Historie der Herbizidanwendung vor Ort. Gemeinsam mit den Landwirten entwickeln wir daraus Handlungsanleitungen“, erklärt er. „Auf Basis dieser Analyse empfehlen wir den Landwirten Herbizide, die sie einsetzen können.“ Scott hat in den vergangenen Jahren umfangreiche Resistenzprüfungen durchgeführt. Seine Arbeit ist Gold wert, wenn es darum geht, die Probleme zu verstehen, mit denen es die Landwirte beim Thema Herbizidresistenz zu tun haben. Einen großen Sieg kann Scott schon vermelden: „Das vergangene Jahr gilt als Meilenstein, weil die Resistenz von Weidelgras gegen einen bestimmten Herbizidwirkstoff zum ersten Mal seit fünf Jahren abgenommen hat. Diesen Trend müssen wir fortsetzen.“

Die australischen Erfolgsstorys zeigen, dass die Arbeiten vieler Forscher, Erfinder, Landwirte und Agrarexperten auf der ganzen Welt schon heute zu einer nachhaltigeren Unkrautbekämpfung beitragen. Strek: „Dennoch ist die Herbizidresistenz weltweit nach wie vor ein echtes Problem, das sich noch verschärfen wird und eine Bedrohung für die Zukunft der Landwirtschaft darstellt. Bis heute haben 246 verschiedene Unkrautarten Resistenzen gegen häufig verwendete Herbizide gebildet und verursachen Ertragseinbußen von bis zu 70 Prozent. Die Größe der Anbauflächen ist begrenzt, darum müssen wir die Effizienz unserer Landwirtschaft steigern. Bessere Unkrautbekämpfung und die Eindämmung von Resistenzen spielen dabei eine wesentliche Rolle.“

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