Landwirtinnen mit Visionen

Frauenpower

Landwirtinnen mit Visionen - Frauenpower
Landwirtinnen mit Visionen - Frauenpower
Sie sind das Rückgrat der heutigen Agrarwirtschaft und leisten einen großen Beitrag zur Weltwirtschaft: Landwirtinnen aus verschiedenen Kontinenten öffnen die Tore ihrer Farmen und geben Einblicke in ihr Leben.

Es ist ein sonniger Spätvormittag in New South Wales im östlichen Teil Australiens. Koalas klettern in den Eukalyptusbäumen im Herzen der beeindruckenden Farmanlage. Vor dieser Kulisse sitzt die junge Landwirtin Kate Davidson auf einem Heuballen und nippt an ihrem Kaffeebecher. Sie betreibt die 10.195 Hektar große Farm gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Bruder. „Ich komme gerade von meiner ersten Schicht Feldarbeit“, erzählt sie – und sieht dabei zwar müde, aber gleichzeitig zufrieden aus. „Die Arbeit ist körperlich anstrengend, aber sie erfüllt mich, denn ich fühle mich mit jedem Feld verbunden.“

Leidenschaft für Landwirtschaft

Die 68-jährige Landwirtin Elaine Bellamy aus Alberta in Kanada teilt Davidsons Begeisterung für die Landwirtschaft: „Meine Felder tragen Namen und haben eine eigene Geschichte. Es ist ein Erfolgsgefühl, wenn die Raps- und Getreideernte als Nahrungsmittel für Menschen auf der ganzen Welt verschifft wird.“ Bellamy arbeitete als Lehrerin, bevor sie zur Landwirtschaft kam: „Als mein Vater 2002 starb, war ich überrascht, dass er die Leitung seiner Farm mir übertrug. Doch er hatte mir schon als Kind den Wert von Land und Boden vermittelt. Meinen Eltern verdanke ich die Freude am Lernen – und so legte ich los: Ich eignete mir das Wissen und die Fähigkeiten an, um diesen großen landwirtschaftlichen Familienbetrieb führen zu können.“

Buchhaltung und Finanzplanung sind unerlässlich. „Man muss einen klaren Kopf bewahren und mit Zahlen umgehen können. Zudem sind gute Mathematikkenntnisse und eine klare Vorstellung von der Zukunft wichtig“, erklärt Bellamy. „Wie jede Branche hat auch die Welt der Landwirtschaft unterschiedliche Facetten. Als Frau wird einem schnell klar, dass man Außergewöhnliches leisten muss, um mithalten zu können. Aber – egal ob Mann oder Frau – alle Landwirte haben mit denselben Problemen zu kämpfen.“ Bellamys Erfolgsrezept: „Stetig lernen und Wissen erweitern.“

Bildung als Schlüssel

Auch für Kate Davidson ist Bildung der Schlüssel zum Erfolg: „Frauen sind heute besser ausgebildet. Sie können ihre Fähigkeiten in den Betrieben anwenden und ihnen so zu Wachstum verhelfen“, erklärt die Landwirtin. Doch die Bildungschancen sind weltweit sehr ungleich verteilt. Benachteiligt sind vor allem Frauen in Entwicklungsländern. Und besonders deutlich zeigt sich dies in ländlichen Regionen, in denen weibliche Familienoberhäupter nur knapp halb so lange zur Schule gegangen sind wie die männlichen. In Afrika beispielsweise ist die Analphabetenrate bei Frauen auf dem Land am höchsten.

70%

der afrikanischen Nahrungsmittel werden von Frauen in der Landwirtschaft erzeugt.
Quelle: United Nations African Renewal 2015

Tatsache ist: Landwirtinnen sind hier gegenüber ihren männlichen Kollegen auf vielfache Weise benachteiligt. Grund hierfür ist die ungleiche Chancenverteilung zwischen den Geschlechtern. Für indische Frauen ist es beispielsweise sehr schwierig, Kredite zu erhalten. Denn Frauen erfüllen nicht alle geforderten Bedingungen für eine Kreditvergabe – beispielsweise Grundbesitz. Das erschwert indischen Landwirtinnen den Zugang zu Ressourcen, die sie für dauerhafte Beschäftigung benötigen. Diese Kluft zeigt sich bei den ungleichen Löhnen: So verdienen Frauen im Agrarsektor der afrikanischen Entwicklungsländer nur halb so viel wie Männer – und das, obwohl sie über 70 Prozent der afrikanischen Nahrungsmittel erzeugen.

Zwar sind 43 Prozent aller landwirtschaftlichen Arbeitskräfte in den Entwicklungsländern Frauen, doch ihr Einfluss ist deutlich geringer als der von Männern. Aber hätten Frauen die gleichen Chancen und den gleichen Zugang zu produktiven Ressourcen wie Männer, könnten Frauen die Erträge ihrer Betriebe um 20 bis 30 Prozent steigern. Mit dieser Produktionssteigerung könnten weitere 150 Millionen Menschen ernährt werden.

Anteil Frauen in der ­Landwirtschaft
Stand: 2010; in Prozent

Landwirtinnen in den Industrieländern fühlen sich dagegen eher gleichbehandelt. Die südafrikanische Obstbäuerin Karin Cluver leitet einen Betrieb in der Nähe der Stadt Grabouw, etwa 500 Kilometer östlich von Kapstadt. Cluver fühlt sich nicht als ,Frau in einer Männerwelt‘: „Ich werde in der Agrarbranche voll akzeptiert. Ich hatte die Freiheit, Dinge auszuprobieren. Mein Vater hatte immer ein offenes Ohr für mich“, erklärt die 42-Jährige. Ihr Selbstbewusstsein verdankt Cluver nicht zuletzt der liberalen Einstellung ihrer Familie. Ihre Großmutter war die erste Landwirtin in der Region. Als ausgebildete Lehrerin gründete sie 1957 eine Schule für die Kinder der Landarbeiter. „Heute besuchen die Kinder von 58 Betrieben diese Schule“, erzählt Cluver. „Meine Familie und ich glauben, dass Frauen in der Landwirtschaft vor weitaus weniger Herausforderungen stehen, wenn sie sich schon in jungen Jahren auf ihre Ausbildung konzentrieren.“ Darum wurde in der Schule unter anderem ein Praxisschwerpunkt eingerichtet, der landwirtschaftliche Fertigkeiten vermittelt. Cluver ist überzeugt, dass aktuelle Kenntnisse und Fähigkeiten für die Zukunft der Landwirtschaft unverzichtbar sind: „Man muss nicht nur die Grundlagen verstehen und sich mit Pflanzen, Boden und Bewässerung auskennen, sondern auch Daten interpretieren können“, sagt sie. Die vernetzte, digitale Landwirtschaft spielt für sie eine große Rolle: „GPS-Bilder sagen oft mehr als tausend Worte. Wir müssen dafür sorgen, dass wir diese Daten auch nutzen. Die Herausforderung für uns liegt darin, mit der Entwicklung der Technik Schritt zu halten.“

Karin Cluver, Landwirtin, Südafrika

Unsere Herausforderung besteht darin, mit den technologischen Entwicklungen Schritt zu halten.

Karin Cluver, Landwirtin, Südafrika

Offenheit führt zum Erfolg

Eine offene, unvoreingenommene Einstellung kann Landwirtinnen ebenfalls den Weg zum Erfolg ebnen. Elaine Bellamy hat deshalb an Landwirtschaftskongressen in Kanada und den USA teilgenommen. Statt zu versuchen, möglichst viel zu reden, hört sie lieber aktiv zu – besonders bei Gesprächen mit männlichen Kollegen. „Ich habe mich in der Branche immer akzeptiert gefühlt, auch wenn viele Männer sich wohler fühlen, wenn sie sich mit ihren männlichen Berufskollegen unterhalten“, erklärt sie. „Man kann jedoch viel von ihnen lernen, indem man einfach zuhört und Fragen stellt.“ Unabhängig davon besucht Bellamy auch Kongresse, die sich speziell an Frauen in der Landwirtschaft richten – beispielsweise die Advancing Women in Agriculture Conference, die im kanadischen Calgary stattfand. „Das war eine einzigartige, fast überwältigende Erfahrung, denn ich war noch nie bei einer solchen Veranstaltung, an der nur Frauen teilnahmen“, erinnert sie sich. „Die ganze Atmosphäre war sehr kameradschaftlich – ein ganz anderes Gefühl als bei Kongressen, an denen ich als einzige Frau unter lauter Männern teilnehme.“

43 Prozent aller landwirtschaftlichen Arbeitskräfte in den Entwicklungsländern sind Frauen. Trotzdem haben sie weniger Chancen und schlechteren Zugang zu Ressourcen als ihre männlichen Kollegen.

Auch Führungskompetenzen können Landwirtinnen zum langfristigen Geschäftserfolg verhelfen. „An den sozialen Kompetenzen arbeiten“, empfiehlt Cluver, die für 120 fest angestellte Mitarbeiter und 300 Saisonkräfte verantwortlich ist. „Als Vorgesetzte muss man sein Team motivieren können. Man muss die richtigen Leute in den richtigen Positionen einsetzen und unterstützen. Wissen verleiht Autorität und Respekt“, fügt Cluver hinzu.

Als Landwirtin erfolgreich zu sein, ist auch eine Frage des Selbstbewusstseins. Obwohl knapp 50 Prozent der weiblichen Arbeitskräfte in Australien in der Landwirtschaft tätig sind, vermisst Kate Davidson oft den Mut zum Selbstverständnis bei ihren Kolleginnen. „Das Problem ist, dass sich viele Frauen immer noch nicht mit ihrem Beruf als Landwirt identifizieren“, erklärt sie. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Welternährungsorganisation FAO bestätigt Davidsons Einschätzung: Demnach bezeichnen Frauen weltweit ihre Tätigkeit weit weniger häufig als Arbeit. Und sie berichten seltener als Männer, dass sie in der Landwirtschaft tätig sind. Und das, obwohl ihr Arbeitstag durchschnittlich länger dauert als der von Männern. Häufig sind Landwirtinnen auch für die Familie zuständig – zusätzlich zu der Zeit, die sie mit der Farmarbeit verbringen. Berücksichtigt man diesen zusätzlichen Zeitaufwand, so leisten US-amerikanische Frauen insgesamt mehr Arbeitsstunden in der Agrarwirtschaft als Männer.

Insgesamt beinhaltet der Beruf des Farmers – ganz gleich, ob es Frauen oder Männer sind – eine Vielzahl anspruchsvoller und faszinierender Tätigkeiten. Kate Davidson fasst es so zusammen: „Es gibt kaum Routinen. Kein Tag ist wie der andere. Beispielsweise ist man an einem Tag ausschließlich mit den Rindern beschäftigt, dann sitzt man eine Woche lang im Büro oder auf dem Traktor. Diese Vielfalt gefällt mir an der Arbeit in der Landwirtschaft.“

Kate Davidson, Landwirtin in New South Wales, Australien

Die Arbeit ist körperlich anstrengend, aber sie erfüllt mich auch, denn ich fühle mich mittlerweile mit jedem Feld verbunden.

Kate Davidson, Landwirtin in New South Wales, Australien
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