Der Stellenwert der Agrarwissenschaften

Für ein sinnvolles Leben

Dringend gebraucht: Agrarstudenten
Dringend gebraucht: Agrarstudenten
Warum sollten junge Menschen Agrarwissenschaften studieren? Dr. Antonio DiTommaso ist Professor für Boden- und Pflanzenkunde an der weltbekannten Cornell University. Er kennt die Antwort – vor allem, weil er auf einer kleinen Farm in Süditalien aufgewachsen ist.

Eine meiner Aufgaben an der Cornell University besteht darin, dass ich Studieninteressierte informiere und betreue. Manche kommen direkt auf mich zu, weil sie sich eingestehen, dass sie nicht wissen, wie sie ihre akademische und berufliche Zukunft gestalten wollen. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, denn mir ging es einst genauso.

In dieser Situation bitte ich sie dann, sich ein Studienfach vorzustellen, das alle Disziplinen der Naturwissenschaften vereint. Politik, Wirtschaft, Philosophie und Kommunikation soll es abdecken – von IT und Technik ganz zu schweigen. Dann erzähle ich ihnen, dass dieser Fachbereich unzählige Berufsmöglichkeiten und Chancen eröffnet – 95 Prozent der Neu-Absolventen finden schnell eine Anstellung.

Diese Argumente reichen normalerweise aus, um Interesse zu wecken. Ich erkläre den angehenden Studierenden dann, dass es sich um Agrarwissenschaften handelt – das Fach mit dem größten Einfluss auf unseren Planeten und seine Bewohner.

Landwirtschaft und moderne Technik gehen jetzt Hand in Hand. Wir befinden uns in aufregenden Zeiten.

Dr. Antonio DiTommaso

In Kürze

Dr. Antonio DiTommaso ist Professor für Pflanzen- und Bodenkunde an der Schule für Integrative Pflanzenkunde der Cornell University (Ithaca, New York, USA). Deren agrarwissenschaftliches Programm gehört weltweit zu den zehn besten. Der Herbologie-Experte DiTommaso begann 1999 seine Karriere an der Fakultät als Assistenzprofessor. Seit 2006 ist er der Leiter von Cornells Fakultät der Agrarwissenschaften. Der Treuhänder Emeritus Richard C. Call und seine Frau Marie Call unterstützten DiTommasos Leitung 2011 mit einer großzügigen Spende. DiTommaso unterrichtet nicht nur, er berät auch Studenten und Absolventen. Er beaufsichtigt Forschungsprojekte und Praktika und ist Mitglied in den landwirtschaftlichen und biowissenschaftlichen Komitees verschiedener Universitäten. Außerdem betreibt er aktiv Forschungsprogramme für Unkrautökologie und Management-Programme im Bereich Forschung. Er erhielt bereits mehrere Auszeichnungen und schreibt seit 2015 für das Magazin „Invasive Plant Science and Management“.

Dr. Antonio DiTommaso ist Professor für Pflanzen- und Bodenkunde an der Schule für Integrative Pflanzenkunde der Cornell University.
Dr. Antonio DiTommaso ist Professor für Pflanzen- und Bodenkunde an der Schule für Integrative Pflanzenkunde der Cornell University.

Ich bin ganz eindeutig ein glühender Verfechter der Landwirtschaft. Ich glaube an diesen Fachbereich – mit all seinen Facetten. Wenn die Studierenden mich danach fragen würden, könnte ich ihnen von meiner Forschung erzählen und von den klugen Köpfen, mit denen ich bereits zusammen gearbeitet habe. Vielleicht würde sie das beeindrucken.

Aber ich könnte ihnen auch davon erzählen, wie ich zu meinem Beruf gekommen bin. Ich stamme aus Süditalien. Meine Eltern betrieben dort eine typische, kleine Mehrzweckfarm – mit einem Milchbauernhof und mehreren Obstgärten. Als ich neun Jahre alt war wanderten wir nach Montreal, Kanada aus. Wir tauschten das italienische Landleben gegen das Leben in einer pulsierenden Großstadt ein. Meine Eltern arbeiteten nun in der Industrie. Mein Vater kochte nebenbei oft an den Wochenenden für Hochzeitsfeiern. Unser ganzes Leben änderte sich. In der Schule lernte ich Englisch und Französisch, anstatt Italienisch. Anstelle unserer Farm mit Obstgärten hatten wir einen kleinen Garten mit Gemüsebeet, Pflaumenbaum und eine Weinrebe. Zur Erinnerung an das Land, das wir in unserer Heimat zurückgelassen hatten, pflanzten wir einen Feigenbaum. Jeden Herbst vergruben wir ihn einen Meter tief unter der Erde, damit er den harten kanadischen Winter überlebt. Dennoch wurden wir immer mehr zu Stadtmenschen.

Kindheit auf dem Land

Mein Vater war ursprünglich Landwirt. Als Kind lernte ich von ihm, an das ich immer denken musste, wenn ich im Sommer in unserem Garten, oder auf kleinen Höfen außerhalb der Stadt arbeitete: Landwirtschaft ist eine Wissenschaft – ob es um die Arbeit mit dem Land und den Pflanzen geht, oder darum, wie man Unkräuter bekämpft. Ich beobachtete meinen Vater, wie er eine Harmonie aus Erde und Pflanzen schuf. Wir sahen zu, wie Sprösslinge durch die Erdoberfläche stießen und sich das Feld grün färbte. Für ihn war das nie selbstverständlich. Er arbeitete mit diesem Land, respektierte es und studierte es. Meine Eltern ernährten uns damit. Unsere Liebe für Italien blieb uns noch lange nachdem wir auswanderten erhalten. Ebenso blieb auch unsere Liebe für die Felder erhalten, auf denen Keimlinge zu Pflanzen werden und schließlich Feldfrüchte tragen, – und zu der Arbeit die erforderlich ist, damit das Land seine Magie entfalten kann.

95%

95 Prozent der Neu-Absolventen finden schnell eine Anstellung im Agrarsektor.

Dr. Antonio DiTommaso

Als ich anfing zu studieren, ging ich auf die McGill Universität in Kanada. Ich belegte Kurse in Biologie und Botanik, ohne genau zu wissen, was ich eigentlich studieren will. Je mehr ich allerdings über Pflanzen lernte, desto faszinierender fand ich sie. Zum Beispiel Löwenzahn: An einem Ort trägt er zur Artenvielfalt bei und ist eine wertvolle Nutzpflanze. In einer anderen Umgebung ist diese Pflanze ein Unkraut und kann dein schlimmster Feind sein. Für viele Menschen in Industriestaaten ist es selbstverständlich, dass die Kulturpflanzen, die auf den Feldern wachsen, uns Menschen ausreichend, gesund und ökonomisch ernähren. Sie wissen nicht wie viel Arbeit hinter nachhaltigem Anbau steckt. Ich habe von klein auf gelernt, dass Landwirtschaft mehr als reine Naturwissenschaft ist: Es ist die Wissenschaft, die uns lebendig und gesund hält.

Landwirtschaft ist Biologie. Aber sie umfasst auch Pflanzen- und Bodenkunde, Botanik, Ökologie, Tierkunde und Philosophie. Genauso gehören aber auch Verwaltung, Politik und Wirtschaft dazu. Ich könnte noch mehr aufzählen, denn Landwirtschaft braucht auch Ingenieure, Chemiker, Physiker, technische Assistenten und Kommunikationsexperten.

Dem großen Ganzen verschrieben

An der Cornell Universität belegen rund 100 Studenten Agrarwissenschaft als Hauptfach. Ungefähr die Hälfte von ihnen kommt aus Familien, die in der Landwirtschaft tätig sind, die andere Hälfte nicht. Eines haben alle gemeinsam: Die große Passion für dieses Fach – heute vielleicht mehr denn je zuvor.

Diesen Studenten stehen alle Türen offen. Sie kennen die Angelegenheiten der Bevölkerung und der Umwelt. Sie wissen, dass wir 2050 circa zehn Milliarden Menschen ernähren müssen. Sie suchen nachhaltige Lösungen und wollen Ideale mit praktischen Maßnahmen vereinen – alles mit Hilfe von Wissenschaft und Forschung. Sie stellen knifflige Fragen, – so sollte es auch sein. Sie debattieren und diskutieren über Probleme auf wissenschaftlicher Basis.

An Lösungen arbeiten

In der Landwirtschaft stellen sich uns bedeutende Herausforderungen, unter anderem Resistenzen gegen Pflanzenschutzmittel und der Klimawandel. Damit unsere Studenten komplexe Situationen besser verstehen und für alle Herausforderungen gerüstet sind, bilden wir sie aus – auf Feldern, in Laboren und in Seminarräumen. Sie arbeiten mit Technologien und Informatik. Landwirtschaft und moderne Technik gehen jetzt Hand in Hand. Wir befinden uns in aufregenden Zeiten.

Wenn ein junger Mensch nun immer noch nicht weiß, was er studieren will, würde ich ihm die Frage stellen, ‚Wie können wir 2050 zehn Milliarden Menschen ernähren?’. Wenn jemand diese Statistik zum ersten Mal hört, kann diese Zahl entmutigend oder gar abschreckend klingen. Dem würde ich positiv entgegenbringen, dass bereits viele große Geister an Lösungen arbeiten. Und ebenso, dass übergreifende Modelle für die Produktion von Nahrungsmitteln dazu beitragen, das Gleichgewicht zu halten, zwischen den Bedürfnissen der Umwelt und der Ernährung aller Menschen. Wir arbeiten jeden Tag an neuen Modellen und Methoden.

Aber vor allem würde ich den Studierenden sagen, dass auch sie sich bei der Lösungssuche aktiv einbringen können. Es mag vielleicht selbstlos oder utopisch klingen, aber voller Einsatz für eine Sache führt zu Veränderungen. Denn eines weiß ich aus Erfahrung: Wer sich für die Landwirtschaft einsetzt, kann Lösungen finden und ein sinnvolles Leben führen.

Ähnliche Artikel

Aktuelle Bewertungen (1)
Kommentar
Landwirtschaft im Wandel - Die nächste Generation ist bereit