Die Zukunft der Forstwirtschaft in Brasilien

Brasiliens
neue Wälder

Die Zukunft der Forstwirtschaft in Brasilien - Brasiliens neue Wälder
Die Zukunft der Forstwirtschaft in Brasilien - Brasiliens neue Wälder
Das südamerikanische Land forciert die Nutzung von Waldplantagen – und zeigt, dass die Umwelt von der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft profitieren kann.

Enrico Savonas Besuch in Itapetininga, im brasilianischen Bundesstaat São Paulo, beginnt mit einer morgendlichen Jeep-Tour durch die neblige Landschaft entlang eines Waldes. Dort, wo die Straße endet, setzen er und seine brasilianischen Kollegen ihren Weg in den Wald zu Fuß fort. Mit dem Sonnenaufgang steigen die Temperaturen, und die smaragdgrüne Krone der Eukalyptusbäume, die 25 Meter hoch in den Himmel ragen, wird sichtbar. Savona ist Marketing Manager für Forstwirtschaft und industrielles Vegetationsmanagement bei Bayer. Er ist hierhergekommen, um zusammen mit seinem Team eine künstlich angelegte Baumplantage zu begutachten. Sie ist Teil eines ambitionierten Plans.

Mit der Verbesserung der Lebensstandards in den Schwellenländern und der steigenden Lebenserwartung in den Industrieländern nimmt auch die Nachfrage nach Zelluloseprodukten zu. Laut einer Studie von Pöyry Management Consulting in Helsinki dürfte etwa der Bedarf an Pappkartons und Hygienepapier in den kommenden zehn Jahren um jährlich 1,1 Prozent wachsen. Die Studie prognostiziert, dass damit die Produktion von Zellulosematerial bis zum Jahr 2030 auf 482 Millionen Tonnen steigen würde. Brasilien hat möglicherweise einen Weg gefunden, eine solche Zunahme auf nachhaltige Weise zu realisieren: Auf etwa einem Prozent der gesamten Fläche des Landes soll künftig intensive Waldbewirtschaftung stattfinden.

Landkarte von Brazilien: 81 Prozent der intensiv bewirtschafteten Forstflächen befinden sich in südlichen und südöstlichen Gebieten Brasiliens wie dem Atlantischen Regenwald und der Cerrado-Savanne.
Landkarte von Brazilien: 81 Prozent der intensiv bewirtschafteten Forstflächen befinden sich in südlichen und südöstlichen Gebieten Brasiliens wie dem Atlantischen Regenwald und der Cerrado-Savanne.

Intensives Forstprogramm

Enrico Savona und sein Team unterstützen Unternehmen, die Wälder intensiv bewirtschaften. In diesen künstlich angelegten Waldplantagen wachsen Bäume, die nach sechs bis acht Jahren gefällt und weiterverarbeitet werden können. Die Bayer-Mitarbeiter stehen den Forstbetrieben als Berater zur Seite und sorgen mit ihrem Know-how dafür, dass Baumbestände frei von Unkraut- und Schädlingsbefall wachsen können.

Für die Unternehmen ist diese Unterstützung sehr hilfreich, denn bei intensiven Forstprogrammen nutzen sie speziell ausgewiesene Flächen, die die strengen Vorgaben der Wissenschafts-, Regierungs- und Umweltbehörden erfüllen müssen. Diese Programme dürfen zum Beispiel nur auf zurückerlangtem Land umgesetzt werden – also auf Flächen, die vor 1994 entwaldet wurden oder früher der Landwirtschaft dienten. Savona nennt einen weiteren Punkt: „Entscheidend ist, dass die Forstunternehmen die Voraussetzungen für eine Zertifizierung durch lokale und internationale Organisationen erfüllen, die für eine verantwortungsvolle Waldbewirtschaftung und nachhaltige Produktentwicklung eintreten.“

Laut Dr. José Leonardo Gonçalves, Professor für Forstwissenschaft an der Universität São Paulo (USP), machen Eukalyptusbäume rund 80 Prozent des Baumbestands in Brasiliens intensiv bewirtschafteten Plantagen aus. Zu den angebauten Arten gehören die aus Nord-Queensland (Australien) stammenden, trockenheitsresistenten Sorten E. grandis und E. urophylla sowie deren Hybridformen. Die restlichen 20 Prozent bilden Kiefern und andere Baumarten wie etwa Teak und Kautschuk. Dieser Mix, so Gonçalves, sorge für eine größere Biodiversität.

Enrico Savona

Es ist großartig, wenn Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam daran arbeiten, die Umwelt zu schützen.

Enrico Savona, Marketing Manager für Forstwirtschaft und industrielles Vegetationsmanagement bei Bayer
226

Milliarden U.S.-Dollar ist der Gesamtwert der weltweiten Forsterzeugnisse im Jahr 2015. Dies ist ein Anstieg um 56 Prozent seit dem Jahr 2000.
Quelle: FAOSTAT – Forestry Database

Eukalyptusbäume kämen sehr gut mit dem tropischen und halbtropischen Klima Brasiliens zurecht und würden deshalb den größten Teil des Plantagenbestands ausmachen, erklärt der Forstexperte. „Neuere Eukalyptuszüchtungen benötigen zudem nur sechs bis acht Jahre, bis die Bäume verwertet werden können“, ergänzt Gonçalves. Demgegenüber stehen Wachstumszyklen von 15 Jahren bei Kiefern, bei manchen Bäumen gar mehrere hundert Jahre. Sein schnelles Wachstum macht den Eukalyptus-Baum zu einem kostengünstigen Zellstofflieferanten. „Naturwälder können somit geschont werden“, erklärt Savona. „Mit den Plantagenwäldern verfügen wir über eine alternative, eigens für diesen Zweck geschaffene Quelle für Holz und Zellstoff”, ergänzt er. Darüber hinaus tragen die Plantagen zur Kohlenstoffbindung bei. Das nutzt dem Klima.

Die Perspektive der Wissenschaft

Professor Irae Guerrini
Professor Irae Guerrini

Die Aktivitäten der brasilianischen Forstindustrie werden von den Bundes- und Regionalbehörden sowie von Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen und Wissenschaftlern sehr aufmerksam verfolgt. Zu Dr. Gonçalves’ Forscherkollegen zählt Professor Irae Guerrini von der Staatlichen Universität São Paulo (UNESP). Beide stellen fest, dass sich die Klimaerwärmung in Brasilien negativ auf den Wasserhaushalt und die Bodenqualität der Plantagen auswirkt. „Probleme erwachsen aus Pflanzenkrankheiten wie Mehltau und Schädlingen wie dem Stängelbohrer oder Blattfloh, die sich unter dem Einfluss des Klimawandels gut entwickeln”, erläutert Guerrini. „Aber die Wissenschaft arbeitet schon daran.“

Guerrini plädiert dafür, die Auswirkungen der Plantagen auf natürliche Ressourcen umfassend zu analysieren. „Es wird viel darüber gesprochen, dass Eukalyptus-Bäume viel Wasser benötigen“, sagt Guerrini. „Sie verhindern dadurch aber auch, dass Wasserspeicher überlaufen. Natürlich ist ein schonender Umgang mit der Ressource Wasser wichtig, allerdings lassen sich auch positive Effekte durch die Plantagen beobachten.“ Gonçalves ergänzt: „Der Eukalyptus-Baum ist zwar keine heimische Gattung, stellt aber durchaus eine Bereicherung für die Umwelt dar. Er kann sich sehr gut an die Umwelt anpassen.“

Ressourcen schonen

Neue Hybridformen sind zwar nach der Züchtung an die regionalen Boden- und Wasserverhältnisse angepasst. Trotzdem müssen Forstbetreiber auf den richtigen Umgang mit Pflanzen und Böden achten. Beispielsweise sollten Böden mit geeigneten Forstmaschinen so bearbeitet werden, dass das Regenwasser besser versickern kann und nicht abfließt.

Pflanzenkrankheiten werden immer problematischer, indem sie sich mit dem Klimawandel ausweiten.

Professor Irae Guerrini von der Staatlichen Universität São Paulo

Wichtig sei es, bei der Pflanzung der Bäume auf den richtigen Abstand zu achten, bemerkt Gonçalves. „Eine dichte Bepflanzung hat einen höheren Blattflächenindex (BFI) und dadurch eine stärker ausgeprägte Fotosynthese zur Folge.“ Abhängig von der Wasserverfügbarkeit kann durch Anpassung des Pflanzabstands der BFI erhöht oder gesenkt werden, sodass die Pflanzen an ihrem Standort optimal wachsen. Und während eine Unkrautbekämpfung vor der Baumpflanzung äußerst wichtig ist, gilt es später zu bedenken, dass die Unkräuter auch Nährstoffe binden, der Erosion entgegenwirken und die Biodiversität in den Plantagen fördern. Guerrini ergänzt: „Das sind fachliche und zugleich wirtschaftliche Entscheidungen. Der Aspekt der richtigen Plantagenbewirtschaftung ist dabei besonders wichtig.“

1.114.000

Tonnen Haushalts- und Hygieneartikel aus Forstwirtschaft produzierte Brasilien im Jahr 2015. Das ist ein Anstieg von 54 Prozent seit 2000. Damals wurden 597.000 Tonnen produziert.
Quelle: FAOSTAT – Forestry Database

Enrico Savona und sein Team wägen ihre forstwirtschaftlichen Entscheidungen gründlich ab. Die Unkrautbekämpfung haben sie besonders im Blick: „Im Frühstadium seines Wachstums, in den ersten sechs bis zwölf Monaten, muss der Baum so viele Nährstoffe wie möglich aufnehmen können. Diese sind entweder bereits im Boden enthalten oder werden beim Düngen hinzugefügt“, erklärt Savona. In dieser Phase muss der Unkrautbesatz gering gehalten werden, damit der Jungbaum konkurrenzfrei wachsen kann. „Man kann sich den Baum wie ein Baby vorstellen: Eine richtige und ausgewogene Ernährung in den ersten Monaten ist für die Entwicklung entscheidend. Eine entsprechende Pflanzenpflege ist aus ökologischer und wirtschaftlicher Sicht sinnvoll“, fügt Savona hinzu.

In Kürze: Brasiliens Forstwirtschaft

Aktuelle Bewertungen (1)
Kommentar
Von Sonnenblumen und Bohnenfeldern