Landwirtschaftliche Genossenschaften

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Landwirtschaftliche Genossenschaften - Gemeinsam Seite an Seite
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Weltweit profitieren Landwirte von starken Partnern, die sich für ihren Erfolg einsetzen: Genossenschaften unterstützen ihre Mitglieder technisch wie finanziell, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

In einem brasilianischen Lagerhaus sitzen Hunderte von Landwirten in weißen Stuhlreihen nebeneinander. Unter einem Meer aus Hüten folgen ihre Augen einem Mann, der vor ihnen auf der Bühne steht: Er heißt José Aroldo Gallassini und ist Geschäftsführer der brasilianischen Landwirtschafts-Genossenschaft COAMO. Er präsentiert Forschungsergebnisse über Dünge- und Pflanzenschutzmittel, sowie neues Saatgut und spricht über Entwicklungen in der digitalen Landwirtschaft. Die Bauern in der Runde sind unterschiedlichen Alters und verschiedener Herkunft, aber in diesem Moment sind sie vereint. Sie sind überzeugte Mitglieder einer Organisation, die ihre beruflichen Bedürfnisse versteht. Mit Spannung verfolgen sie, welche Innovationen ihre künftigen Erfolge mitentscheiden können.

Feldtage wie dieser finden in verschiedenen Regionen Brasiliens seit über 25 Jahren statt. „Die Veranstaltung der COAMO-Kooperative gibt Mitgliedern Einblicke in moderne Agrar-Innovationen”, sagt Gallassini. Mehr denn je erkennen Brasiliens Landwirte heute, wie wichtig es ist, sich über die jüngsten Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen.

Schon jetzt spielt Brasilien eine wichtige Rolle in der Welternährung: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Welternährungsorganisation FAO der Vereinten Nationen nennen Brasilien als zweitgrößten Agrar-Exporteur der Welt – und als größten Lieferanten von Zucker, Orangensaft und Kaffee. Die Agar-Industrie ist eine tragende Säule der brasilianischen Wirtschaft. Laut FAO haben sich die Produktionsmengen von Brasiliens Landwirtschaft in gut zwei Jahrzehnten – zwischen 1990 und 2013 – mehr als verdoppelt. Aber um diese Position auch in Zukunft behaupten zu können, sind brasilianische Landwirte auf Unterstützung angewiesen.

1 Milliarde

Weltweit bestehen Genossenschaften aus rund einer Milliarde Mitgliedern.

Quelle: Statistical information on the cooperative movement. International Co-operative Alliance

Mit 6.586 einzelnen Genossenschaften und mehr als neun Millionen Mitgliedern sind Brasiliens Genossenschaften ein enorm wichtiger Teil der Landwirtschaft. Insgesamt sind die Kooperativen im ländlichen Bereich für mehr als ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts verantwortlich.

Nach dem theoretischen Teil des COAMO-Feldtages gehen die Landwirte auf die Versuchsflächen, wo weitere Präsentationen folgen. Der COAMO-Geschäftsführer Gallassini lässt seinen Blick über die Felder schweifen und erklärt: „Feldtage geben Landwirten die Möglichkeit, unsere Feldversuche zu begutachten. Zugleich können wir zeigen, welche Innovationen die Landwirtschaft verändern. Hier erleben Landwirte hautnah, wie neue Technologien auf ihren eigenen Feldern mit ähnlichen Böden und in vergleichbaren klimatischen Verhältnissen angewendet werden können.“ Während der Feldtage sehen die Mitglieder Innovationen und neue Anbaumethoden in der Praxis oder sie erfahren, wie sie die Bodenfruchtbarkeit verbessern können. „Wir geben unseren Produzenten nachhaltige Pflanzenschutzlösungen an die Hand, mit denen sie etwa ihre Sojabohnen-Ernte vor Schädlingen, Krankheiten und Unkräutern schützen können”, fügt Gallassini hinzu. Das ist wichtig, denn brasilianische Landwirte müssen einer Öffentlichkeit, die nur wenige Bezugspunkte zur Landwirtschaft hat, nachhaltige Anbaumethoden erklären. „In Brasilien denken viele Menschen, dass landwirtschaftliche Arbeit der Umwelt schadet”, sagt Marcos Montans, ein COAMO-Mitglied und Landwirt aus Paraná. „Seit wir in verbessertes Saatgut und integrierte Anbaulösungen investieren, haben wir auf weitgehend umweltverträgliche Weise Rekordernten erzielt, ohne zugleich unseren landwirtschaftlichen Fußabdruck zu vergrößern.”

Wissenstransfer

Persönlichen Kontakt zwischen den Mitgliedern zu fördern, gehört zu den Leitprinzipien von Genossenschaften rund um den Globus. Diese enge Beziehung ist auch in einer anderen brasilianischen Genossenschaft sichtbar, der Industriegenossenschaft COOPAVEL, die regelmäßig eine große Landwirtschaftsschau organisiert. Diese Veranstaltung konzentriert sich auf Technologien für Landwirtschaft und vernetzt Bauern mit Agrarunternehmen. Die Schau ist eng mit der Geschichte von Brasiliens Agrarindustrie und dem westlichen Paraná verbunden, wo Sojabohnen seit Jahren als wichtige Nutzpflanze Region und Land dominieren. Die Veranstaltung zeigt auch, dass gelungener Wissenstransfer durch Genossenschaften die Landwirtschaft positiv verändern kann. „Als wir die Veranstaltung ins Leben gerufen haben, lag der durchschnittliche Sojabohnen-Ertrag bei etwa 1.800 Kilogramm pro Hektar”, sagt COOPAVEL-Geschäftsführer Dilvo Grolli. „Heute beträgt der Durchschnittsertrag mehr als 3.000 Kilogramm pro Hektar.”

Der persönliche Kontakt zwischen den Mitgliedern der Genossenschaften bleibt auch nach der Veranstaltung bestehen. „COOPAVEL-Berater besuchen uns in den Betrieben, um einen Einblick in unser Tagesgeschäft zu bekommen”, sagt Vinícius Formighieri Lazarini, ein brasilianischer Sojabohnen-Farmer aus Paraná und Mitglied dieser Kooperative. Im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná sind die Kooperativen sehr stark – und ausgesprochen beliebt: Zu den Genossenschaften in dieser Region gehören mehr als 30.000 Erzeuger. „Die Berater empfehlen uns, welche Produkte wir anwenden können”, fügt Lazarini hinzu. „Und wir profitieren von ihrem technischen Wissen. Sie empfehlen uns die Produkte, die am besten zu unseren Bedürfnissen passen.“ Abhängig von Anbauspektrum und Größe der Farm – von einfacheren kleineren Betrieben zu den hochtechnisierten größeren – kann der Berater Kombinations- oder Spezialprodukte vorschlagen, exakt abgestimmt auf die Anforderungen und Wünsche der Landwirte.

Vinícius Formighieri Lazarini, brasilianischer Sojabohnen-Farmer aus Paraná

Die Berater empfehlen uns, welche Produkte wir benutzen sollen. Und wir profitieren von ihrem technischen Wissen.

Vinícius Formighieri Lazarini, brasilianischer Sojabohnen-Farmer aus Paraná

Stimmen vereinen

Auch gut 9.000 Kilometer weit entfernt sind landwirtschaftliche Genossenschaften tief in der Landwirtschaft verwurzelt: In Europa sind sie an 60 Prozent der Verarbeitung und Vermarktung von landwirtschaftlichen Gütern beteiligt und stellen über die Hälfte aller Betriebsmittel bereit. „Die größten Herausforderungen für europäische Landwirte hängen derzeit mit der Marktvolatilität zusammen”, sagt Pekka Pesonen in Brüssel. Pesonen ist Generalsekretär des EU-Landwirtschaftsverbandes COPA-COGECA, der die vereinte Stimme von Landwirten und Kooperativen in der Europäischen Union repräsentiert. „Schwankungen auf den Agrarmärkten – insbesondere Niedrigpreise für Milchprodukte, Schweine- und Rindfleisch, Obst, Gemüse und Getreide – haben den Landwirten eine enorme Last aufgebürdet.” Einige der Entwicklungen hängen mit internationalen politischen Ereignissen und Entwicklungen zusammen, die nichts mit der Landwirtschaft zu tun haben – etwa mit der Krise in der Ukraine oder den Ölpreisen. Zusätzlich zu den Rohstoffpreisen müssen sich Landwirte mit komplexen internationalen Regulierungen und Gesetzen auseinandersetzen. „Auf lange Sicht müssen Farmer mehr und qualitativ hochwertigere Nahrung produzieren und zwar auf nachhaltige Art und Weise”, fügt Pesonen hinzu. Um dies zu schaffen, brauchen sie einen sicheren Rückhalt und bestmögliche, fachliche Unterstützung. Mitglieder der COPA und COGECA wissen, dass Genossenschaften ihnen diese notwendige Unterstützung bieten.

In Westeuropa entwickelte sich die Idee der Genossenschaften vor 150 Jahren, als der deutsche Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen notleidende Bauern unterstützen wollte. Heute gehen die genossenschaftlichen Aufgaben noch viel weiter: Eine Genossenschaft ähnelt einer Firma, die die wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder verfolgt. Zusätzlich bietet sie den Landwirten praktische Dienstleistungen und Möglichkeiten ihre Betriebe zu stärken. Ein Beispiel dafür ist die deutsche Winzergenossenschaft Moselland, die 1969 gegründet wurde. Moselland hilft ihren Mitgliedern dabei, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie hat Fachberater, die die Winzer vor Ort unterstützen und informieren. Berater halten die Mitglieder regelmäßig auf dem Laufenden, etwa über aktuelle Schädlingswarnungen oder benachrichtigen, wann mit der nächsten Pilzinfektion zu rechnen ist. Diese Informationen gewinnen die Experten durch Prognosemodelle oder Analysen. So können die Winzer ihre Schädlingsbekämpfung genau terminieren und die Pflanzenschutzstrategie darauf abstimmen.

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Henning Seibert, Vorstandsvorsitzender der Winzergenossenschaft Moselland
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Henning Seibert

Solche Maßnahmen helfen den Moselland-Winzern, ihre Betriebe langfristig zu verbessern. „Je nach Region müssen Winzer sich unterschiedlichen Herausforderungen stellen”, sagt Henning Seibert, Vorstandsvorsitzender der Winzergenossenschaft Moselland. „In der Mosel-Region wachsen die Reben oft an steilen Hängen. Die Ernte gestaltet sich dort viel schwieriger als in anderen Gegenden, in denen Winzer ausschließlich mit Maschinen ernten können”, erklärt er. Moselland ermutigt ihre Mitglieder, diese Herausforderung durch die Produktion spezieller Sorten zu meistern – mit geringeren Ernteerträgen, aber höherer Qualität.

Planungssicherheit

Die Moselland-Berater sind studierte Weinwissenschaftler und kennen moderne Produktionsweisen genauso gut wie neue Technologien. Zudem helfen sie den Winzern, den Aufwand für Verwaltung, Vermarktung und Logistik zu reduzieren. „Weinernten zu managen wird immer schwieriger – insbesondere in Hinblick auf EU-Gesetze, länderspezifische oder staatliche Verordnungen wie die neuen Pflanzenschutzgesetze”, sagt Kurt Kranz, Winzer und Mitglied der Moselland. „Die Genossenschaft stärkt uns den Rücken. Wir liefern die Trauben. Sie erledigt den Rest”, fügt er hinzu. „Dank ihres Einsatzes können wir uns auf unsere wichtigste Aufgabe konzentrieren: die Weinproduktion. Für mich ist die Moselland Genossenschaft ein ehrlicher Partner, der mir konstante finanzielle Unterstützung bietet.” Als Genossenschaftsmitglieder erhalten die Winzer regelmäßige Auszahlungen auf sechs Raten im Jahr verteilt. „Dieses System stellt sicher, dass ich alle zwei Monate eine bestimmte Summe zur Verfügung habe”, stellt Kranz heraus. „Und das gibt mir die Sicherheit, die ich brauche, um meine Produktion zu planen.”

In der Mosel-Region pflanzen sie oft an steilen Hängen. Die Ernte gestaltet sich dort viel schwieriger als in anderen Gegenden.

Henning Seibert, Vorstandsvorsitzender der Winzergenossenschaft Moselland

Landwirtschaftliche Genossenschaften weltweit

Sie sind das Rückgrat der globalen Landwirtschaft: Genossenschaften ermöglichen Farmern den Zugang zu neusten Anbaumethoden, Technik und Finanzdienstleistungen. Die meisten dieser Kooperativen sind in Europa beheimatet – 62 der 100 weltweit größten Agrarge-nossenschaften agieren dort. In Asien und Südamerika gibt es davon jeweils nur fünf.
Quelle: Pricewaterhouse Coopers
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