Neue Agrarkräfte benötigt

Gesucht: Junge Talente
in der Landwirtschaft

Gesucht: Junge Talente in der Landwirtschaft
Gesucht: Junge Talente in der Landwirtschaft
Vor dem Hintergrund einer alternden Landwirtschaft sind hochmotivierte, junge Menschen gefragt, um nachhaltige Landwirtschaft mit voranzutreiben.

Takuya Nagasawa berichtet lebhaft von dem Sommer vor drei Jahren, der sein Leben verändert hat. Der 25-jährige Japaner war Praktikant auf einer Farm in Thailand. „Meine Erfahrungen in den ländlichen Dörfern haben mir die Augen geöffnet“, sagt er. „Die Landwirte kämpften. Aufgrund schwankender Einkommens und mangelnder Kenntnisse des Finanzwesens wussten sie nicht, wie sie am besten in ihre Höfe investieren.“ Nagasawas Erkenntnisse haben ihn verändert: „In mir ist der Wunsch erwacht, einen Beruf auszuüben, mit dem ich die Landwirtschaft verändern kann.“ Heute studiert er als Doktorand Internationale Entwicklung mit Schwerpunk Wirtschaft an der Universität Wageningen in den Niederlanden, eine der weltweit führenden Universitäten für Land- und Forstwirtschaft.

Hochkonzentriert im Hörsaal: Masterstudent Takuya Nagasawa
Hochkonzentriert im Hörsaal: Masterstudent Takuya Nagasawa
Takuya Nagasawa

Weltweit ist es wichtig, junge Menschen zu ermutigen, einen Beruf in der Landwirtschaft zu ergreifen. In den vergangenen Jahren wurde die landwirtschaftliche Arbeiterschaft zunehmend älter, während immer weniger Menschen einen Beruf in diesem Sektor wählten. Laut der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), arbeiteten im Jahr 2014 etwa 30 Prozent der Berufstätigen in der Landwirtschaft – fast zehn Prozent weniger als im Jahr 2000. Die Anzahl junger Agrarfachkräfte ist extrem niedrig, besonders in Europas EU-28 Landwirtschaft: 2013 waren nur sechs Prozent der 10,8 Millionen Agrarmanager jünger als 35 Jahre. Gleichzeitig zeigte eine Umfrage von Eurostat unter landwirtschaftlichen Betrieben, dass über die Hälfte der Manager über 55 Jahre alt waren.

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Im Jahr 2013 waren nur sechs Prozent der 10,8 Millionen EU-Landwirte jünger als 35 Jahre alt.

Quelle: ec.europa.de

Aber die Hoffnung wächst: In Großbritannien war Landwirtschaft 2015 das am stärksten wachsende Fach an Universitäten. Die Studentenzahlen stiegen um 4,6 Prozent und Agrarwissenschaften und verwandte Fachbereiche zählten insgesamt über 19.000 Studenten. Dennoch werden weltweit weitaus mehr Studenten benötigt, um der steigenden Nachfrage an landwirtschaftlichen Fachkräften gerecht zu werden. Der Agentur Agricultural Appointments zufolge, braucht Australien beispielsweise 20 Prozent mehr agrarwissenschaftliche Akademiker, um den Arbeitsmarkt und die Landwirtschaft des Landes zu sichern. Stephen Powles ist Professor für Landwirtschaft und Umwelt an der Universität in Perth, Australien und erklärt: „Viele Studenten möchten Anwalt oder Arzt werden. In den kommenden Jahren werden aber vor allem viele Landwirte in den Ruhestand gehen.“ Statistiken bestätigen, dass zwischen 1981 und 2013 das Durchschnittsalter der australischen Landwirte von 44 auf 53 Jahren stieg. Und fast die Hälfte der australischen Landwirte ist älter als 55 – die Zukunft der Industrie liegt also in den Händen von immer weniger Landwirten.

Stephen Powles, Professor an der Universität in Westaustralien, und sein Team hoffen, dass sich mehr junge Menschen für ein landwirtschaftliches Studienfach entscheiden.

Professor Powles ist überzeugt, dass sich ein agrarwissenschaftliches Studium lohnt und beruflich wie persönlich sehr viel zu bieten hat: „In dem breit gefächerten Gebiet warten viele unterschiedliche Berufschancen für junge Fachkräfte: Hightech, digitale Landwirtschaft und Biotechnologie.“

Die Zukunft der Farm ist digital

Die Studentin Matalyn Stark von der Cornell University teilt diesen Optimismus für die Möglichkeiten in der Landwirtschaft. Stark ist Mitglied des Repräsentanten-Teams ihres Fachbereichs an der US-amerikanischen Universität in Ithaca in New York. „Wir zeigen jungen Menschen, dass unser Fach sehr vielfältig und faszinierend ist. Von der Agrarwirtschaft bis zur Pflanzenpathologie haben wir in Cornell eine große Bandbreite an Spezialgebieten“, sagt sie. Stark genießt besonders, wie innovativ das Programm ist. „Einen großen Teil meines Studiums machen digitale Technologien aus. Wir arbeiten unter anderem mit Apps, die genau sagen können, auf was für einer Art Ackerboden wir gerade stehen“, erklärt sie. „So können Farmer fundierte Entscheidungen für die Bewirtschaftung ihrer Böden treffen. Andere Apps können per Foto grob abschätzen, wie stark die Blätter den Boden bedecken.“

Innovation und Technologie interessieren auch die Agrarstudenten der Universität Hohenheim bei Stuttgart. Eine von ihnen ist die 26-jährige Henriette Keuffel, die zurzeit ihren Master in Agrarwirtschaft macht. Schon während ihrer Kindheit auf einem Bauernhof beeindruckte sie der landwirtschaftliche Pioniergeist. Heute sieht sie in der digitalen Landwirtschaft noch viel mehr Chancen für Innovationen. „Digitale Landwirtschaft schafft jeden Tag neue Möglichkeiten bei der Produktion von Lebensmitteln. Wir besuchen regelmäßig Bauernhöfe, um zu sehen, wie sich neue Anwendungen auf dem Feld schlagen. Wir nehmen Bodenproben und verfolgen Ernte- und Anwendungspläne, um zu verstehen, was das Pflanzenwachstum beeinflusst. So gestalten wir den Anbau intelligenter, effizienter und verringern körperliche Anstrengung“, erklärt sie.

Mataly Stark, Studentin an der Cornell Universität und Mitglied des Repräsentanten-Teams ihres Fachbereichs

Wir zeigen jungen Menschen, dass unser Fach sehr vielfältig und faszinierend ist.

Matalyn Stark ist Studentin an der Cornell University und Mitglied des Repräsentanten-Teams ihres Fachbereichs

Vielfältige Fähigkeiten

In diesen Programmen erweitern Studenten ihr Technikwissen und erlernen interdisziplinäre Fähigkeiten. „Unser Studienplan umfasst landwirtschaftliche Praxis, das Steuerwesen sowie Betriebswirtschaft“, sagt Professor Dr. Enno Bahrs, Leiter der landwirtschaftlichen Betriebslehre an der Universität Hohenheim. Er betont, dass Studenten einen kritischen Blick entwickeln müssen, um komplexe, landwirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. „Die Anforderungen für die Arbeitskräfte in der Landwirtschaft sind stetig gestiegen. Um erfolgreich zu sein, benötigen sie ein hohes Ausbildungsniveau“, erklärt Bahrs.

Internationaler Wissenstransfer schafft einen weiteren Anreiz für die Lernenden. Eine Möglichkeit zum Austausch bietet den Agrarstudenten das Event Youth Ag-Summit (YAS), das Bayer alle zwei Jahre veranstaltet. In diesem Jahr waren auch die Jugendorganisationen Groene Kring und der Bund der Fédération des Jeunes Agriculteurs aus Belgien beteiligt. Vier Tage lang trafen sich junge Talente aus der ganzen Welt und ergründeten Ideen für globale Anforderungen an die Lebensmittelproduktion. Auch Henriette Keuffel und Takuya Nagasawa nahmen 2015 in Australien teil, wo sie viel von den anderen Teilnehmern lernten. „Wir haben ein internationales Netzwerk für landwirtschaftlichen Erfolg gebildet“, fügt Nagasawa hinzu. Die Themen des YAS 2015 umfassten Biotechnologie und digitale Landwirtschaft. „Wir alle haben unterschiedliche Hintergründe und stammen aus verschiedenen Nationen. Gemeinsam möchten wir Wege finden, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren“, merkt Keuffel an. „Diese Erfahrung hat meinen Wunsch verstärkt, mit anderen engagierten Menschen Innovationen in der Landwirtschaft voranzutreiben.“

Wir alle haben unterschiedliche Hintergründe und stammen aus verschiedenen Nationen. Gemeinsam möchten wir Wege finden, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren.

Henriette Keuffel ist Master-Studentin an der Universität Hohenheim. Landwirtschaft ist zu ihrer Berufung geworden und sie sieht in diesem Bereich viele Chancen.

Interkulturelle Erfahrungen

PhD-Studentin Jinyi Chen sucht nach Lösungen gegen herbizidresistente Pflanzen
PhD-Studentin Jinyi Chen sucht nach Lösungen gegen herbizidresistente Pflanzen
PhD-Studentin Jinyi Chen

Die chinesische Doktorandin Jinyi Chen glaubt fest daran, dass interkultureller Wissensaustausch zu besseren Forschungsergebnissen führt. Ihr Forschungsgebiet an der School of Agriculture and Environment an der University of Western Australia sind herbizidresistente Unkräuter. „Es ist eine Bereicherung, in einem so multikulturellen Land zu studieren. Wir lernen alle voneinander.“ Chen hat in Australien ihr Wissen erweitert und sich in ihrer Forschung spezialisiert. „Ich habe viel über Herbizidresistenzen gelernt“, sagt sie.

Chen freut sich schon, ihr Wissen in die Tat umzusetzen – in einem Bereich, der neue Talente wie sie braucht. „China hat großes Potenzial für landwirtschaftliche Entwicklungen. Viele Probleme müssen gelöst werden, unter anderem Herbizid-Resistenzen.“ Sie möchte außerdem das Interesse der Jugendlichen für Landwirtschaft fördern. „In China denken junge Leute, dass der Agrarbereich ihnen keine vielversprechende Karriere bietet“, sagt sie. „Ich möchte dem entgegentreten und zugleich Konsumenten klarmachen, dass auch sie von der Landwirtschaft profitieren.“

Es ist eine Bereicherung, in einem so multikulturellen Land zu studieren. Wir lernen alle voneinander.

PhD-Studentin Jinyi Chen sucht nach Lösungen gegen herbizidresistente Pflanzen.

Jobangebote

Zwischen 2015 und 2020 wird der jährliche Bedarf an Hochschulabsolventen in der Landwirtschafts- und Lebensmittelindustrie alleine in den USA bei 58.000 Arbeitsplätzen liegen. Doch die Kluft zwischen Jobangeboten und der Zahl der Agrarabsolventen ist groß: An amerikanischen Colleges werden nur etwa 35.000 Studenten pro Jahr ihren Abschluss machen.

Quelle: Purdue University, the U.S. Department of Agriculture

Die Öffentlichkeit schulen

In den USA erkennt die Studentin Caitrin Vadnais ähnliche Herausforderungen bezüglich der öffentlichen Wahrnehmung. Sie studiert an der University of California in Davis (UC Davis), eine der weltweit renommiertesten Universitäten. Vadnais erklärt: „Viele Konsumenten verstehen nicht, woher ihre Lebensmittel kommen. Das weckt Vorurteile gegenüber Landwirten und Agrar-Technologien. Deshalb liegt es an uns, bessere Wege zu finden, die Öffentlichkeit zu informieren.“ Um zu lernen, wie sie Wissenschaft am besten kommunizieren kann, besucht Vadnais Workshops, auf denen Landwirtschafts-Experten an der Universität oder auf externen Veranstaltungen aus der Praxis berichten. „Ihre Vorträge inspirieren mich. Sie schaffen Wissen-und Kommunikationsführungskräfte für unsere Universität und die Industrie. So sind wir nach unserem Abschluss bestens gewappnet uns für die Agrarwissenschaft einzusetzen“, sagt sie.

UC Davis-Studentin Caitrin Vadnais hofft, dass die Öffentlichkeit Landwirten und ihren Agrar-Praktiken mehr vertrauen wird.

Durch solch engagierte Studenten, die die Öffentlichkeit von dem Nutzwert und den zahlreichen Möglichkeiten der Landwirtschaft überzeugen, kann der Sektor hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Wenn mehr Studenten diesem Vorbild folgen, können sie möglicherweise die momentane Lücke schließen und die nächste Agrargeneration bilden, die Nachhaltigkeit vorantreibt.

Die Kluft überwinden

Elisabeth Cieniewicz ist Doktorandin im vierten Jahr an der Cornell University New York State Agricultural Experiment Station in Geneva, New York. Sie erklärt ihre Leidenschaft für Pflanzenpathologie und warum die Agrarwissenschaften für die Zukunft der Landwirtschaft von großer Bedeutung sind.

Warum studieren Sie Agrarwissenschaften?
Auch ohne landwirtschaftlichen Hintergrund wollte ich schon immer die Welt mit biologischem Wissen verbessern. Deshalb untersuche ich zurzeit eine Krankheit der Weinreben, die auch unter dem Namen ‚Red Blotch’ bekannt ist. Diese Viruskrankheit beeinträchtigt die Reifung und Qualität der Früchte. Wir beobachten, dass sie sich besonders entlang der Westküste der Vereinigten Staaten sehr stark verbreitet. Ich möchte Landwirten helfen, ihre Weinberge zu schützen und Lösungen zu finden.

Was sind die größten Probleme, die sich der Landwirtschaft stellen?
Aus meiner Sicht ist die Kommunikation ein großes Problem. Es kursieren viele falsche Informationen, die Vorurteile gegenüber Pflanzenschutzmitteln schüren. Forscher können die Anwendungen noch so weit entwickeln, doch wenn die Öffentlichkeit diese nicht akzeptiert, sind alle Anstrengungen vergeblich. Wissenschaftler müssen ermutigt werden mit der Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen. Wir müssen aus unserem eigenen Kosmos im Labor heraustreten und mit den Menschen sprechen – besonders, wenn es um kontroverse Themen geht, wie zum Beispiel Gentechnik. Wenn wir die Kluft zwischen der Forschung und dem öffentlichen Wissen überwinden, schaffen wir auch mehr Verständnis für die Landwirtschaft.

Warum sollten junge Menschen Agrarwissenschaften studieren?
Die Landwirtschaft braucht in verschiedenen Bereichen dringend hochqualifizierte Fachkräfte, um die Welt zu ernähren – Wirtschaftswissenschaftler, Ingenieure und Chemiker, um nur ein paar zu nennen. Innerhalb der Agrarwissenschaften gibt es viele spezifische Studienbereiche. Menschen mit verschiedensten Interessen können also zur Ernährungssicherung beitragen.

Elisabeth Cieniewicz
Elisabeth Cieniewicz
Elisabeth Cieniewicz ist Doktorandin an der Cornell University New York State

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Aktuelle Bewertungen (18)
Alle Kommentare

Helmut Schmidt
Sonntag 07. Januar 2018, 15:09

Ein aufschlussreicher Artikel, der interessante neue Seiten aufzeigt.

Keine Bewertung

Pia
Freitag 05. Januar 2018, 13:24

Ein sehr interessanter Artikel!

Keine Bewertung

Kommentar
Landwirtschaft im Wandel - Die nächste Generation ist bereit