Globaler Kaffeeanbau

Die Felder am
Leben erhalten

Globaler Kaffeeanbau - Die Felder am Leben erhalten
Globaler Kaffeeanbau - Die Felder am Leben erhalten
In Brasilien und Vietnam – den weltweit führenden Ländern für Kaffeeproduktion – stellen sich Landwirte noch nie dagewesenen Herausforderungen. Dank ihrer Hingabe und der Bereitschaft zu lernen, können sie weiter erfolgreich sein.

Expedito Alves Oliveira, 72, kniet auf seinem Ackerland in den Hängen von Santana da Vargem, in der brasilianischen Region Minas Gerais. Wie ein Wissenschaftler in seinem Labor nimmt er eine Handvoll dunkle Erde auf und lässt sie durch seine Finger rieseln. Er prüft die Struktur des Bodens – wie schon seit fünfzig Jahren. Er wurde auf der Plantage geboren und half bereits mit acht Jahren bei einfachen Aufgaben. Mit 22 übernahm er die Plantage und baute Sorten des Arabica-Kaffees an, wie zum Beispiel Cauaí, Mundo Novo, Topázio und Rubi.

Mit seinen 26 Hektar Land führt Oliveira einen großen Landwirtschaftsbetrieb in seiner Gemeinde. Als erfahrener Landwirt wurde er schon oft auf die Probe gestellt und ließ sich von Herausforderungen meistens nicht beeindrucken – doch die derzeitigen Klimaveränderungen sind beispiellos. „Manchmal regnet es viel, manchmal überhaupt nicht, oder es kommt zu Frost“, sagt er. „Wir hatten Glück dieses Jahr, in anderen Regionen gab es heftige Hagelstürme.“

Santa de Vargem liegt in der brasilianischen Region Minas Gerais.
Santa de Vargem liegt in der brasilianischen Region Minas Gerais.

Steigende Gefahren

Andere Kaffeebauern können seine Beobachtungen aus eigener Erfahrung nachvollziehen. Allein 2016 führten schwere Dürren in Brasilien und Vietnam – die weltweit führenden Kaffeeproduzenten – zu hohen Ernteverlusten. Das Climate Institute, eine internationale private Organisation, befürchtet, dass der Klimawandel die Kaffeeproduktion in den nächsten 50 Jahren um die Hälfte reduzieren könnte.

Nicht nur in Brasilien sondern weltweit spielen Kaffeebohnen eine wichtige Rolle: Sie sind die zweitwertvollste Handelsware nach Erdöl. Auf der ganzen Welt hängt das Wohlergehen vieler Landwirte von Kaffee ab, besonders im sogenannten „Kaffeegürtel“: die Region zwischen den nördlichen und südlichen Wendekreisen, die auch die Länder Brasilien, Äthiopien, Indien und Vietnam umfasst.

Der Kaffee-Gürtel – und die führenden Kaffeeproduzenten
der Welt (2014)

Kaffee wächst am besten in einer Zone, die als Kaffee-Gürtel bekannt ist – entlang des Äquators zwischen den Wendekreisen von Steinbock und Krebs – zwischen dem 25. Breitengrad nördlicher Breite und dem 30. Breitengrad südlicher Breite. Diese Region bietet spezielle Eigenschaften: nährstoffreiche Böden, milde Temperaturen, ausgiebige Regenfälle und eine Kombination aus Sonne und Schatten.

Ein Rückgang der Erträge wäre verheerend, denn Kaffee wird überwiegend von Kleinbetrieben angebaut: 25 Millionen dieser Betriebe produzieren 80 Prozent des gesamten Kaffees auf der Welt. Davon liefern brasilianische Kleinbauern 40 Prozent und vietnamesische Kaffee-Farmer 16 Prozent. Im September 2016 trafen sich Vertreter der International Coffee Organization (ICO). Das ist die international wichtigste Vereinigung für 77 kaffeeproduzierende und -konsumierende Länder. Dort warnten Finanzexperten, dass Kaffeebauern bereits jetzt unter „gefährlich niedrigen Umsätzen“ leiden. Ein vorrübergehender Rückgang der Ernten könnte schon nach einer Saison Existenzen vor allem in Entwicklungsländern gefährden.

Doch in Brasilien und Vietnam gelingt es einigen Landwirten, ihre Ernten zu steigern. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, wie sie das schaffen.

33,1

Viele Faktoren wie z. B. hohe Lagerbestände führten dazu, dass Brasiliens Kaffee-Exporte 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 33,1 Prozent fielen. Von September 2015 bist August waren das 1,9 Millionen Säcke: 1,6 Millionen Säcke günen Arabica-Kaffees (Rückgang von 26,3%), 300.000 Säcke gerösteten und löslichen Kaffees(minus 10,3%) und weniger als 40.000 Säcke Robusta-Kaffee (Rückgang: 90,0%).

Quelle: International Coffee Organization, August 2016 Coffee Market Report

Ein Leben in den brasilianischen Hügeln

Es gibt 25 Landwirte an den dunkelgrünen Hängen der Gemeinde Santana da Vargem in Brasilien – alle bauen Kaffeebohnen an. Expedito Alves Oliveira erklärt, dass hier Kaffee anzubauen die Aufgabe seines Lebens ist. Die Gemeinde zollt ihm dafür Respekt. Oliveira hat große Achtung vor dem Land, auf dem er aufgewachsen ist. „Die Region hat sehr gute Böden, die Kaffee von hoher Qualität hervorbringen.“ Die Arbeit der Landwirte ist sehr anstrengend: Aufgrund der Hanglage müssen sie alles per Hand erledigen. Die heftigen Wetterumschwünge erschweren die Arbeit. „Wir müssen besonders auf Kaffeesorten mit vielen Bohnen achten. Dieses Jahr gab es seit Mai starke Regenfälle, kurz vor der Ernte. Einige der Plantagen verloren durchschnittlich 30 Prozent ihrer jungen Kaffeebohnen.“

Die meisten Plantagen der Region bringen 50 Säcke Kaffeebohnen pro Hektar Land hervor. In den vergangenen Jahren produzierte Oliveira zwischen 70 und 80 Säcke pro Hektar. Dieses Jahr schlug er seinen eigenen Rekord. „Auf zehn Hektar meines Landes schafften wir ungefähr 120 Säcke pro Hektar.“

Expedito Alves Oliveira baut Arabica-Kaffee an

Die Region verfügt über einen sehr guten Boden und ermöglicht es uns, hochwertigen Kaffee zu produzieren.

Expedito Alves Oliveira

Detektiv der Plantage

Stetige und genaue Achtsamkeit halfen Oliveira die Ergebnisse zu erzielen: „Ich kontrolliere die Produktion genau. Ich analysiere den Boden und die Blätter zweimal im Jahr, so wie es die Experten empfehlen.“ Dazu behält er mögliche Probleme im Auge. „Wir merken, dass die Plantagen öfter von Hagel geschädigt werden, vor allem im Frühling, wenn die jungen Bohnen gerade anfangen zu wachsen. Der Hagel reißt sie von den Pflanzen, schädigt Stämme und beeinträchtigt die Verwurzelung der Pflanzen im Boden. Die Wunden an den Pflanzen können faulen. Sobald ich Veränderungen an den Pflanzen oder fallende Blätter bemerke, rufe ich die Agrarberater um Hilfe.“

Spezialisten öffentlicher und privater Institutionen und Unternehmen wie Bayer, versorgen Oliveira mit Fachwissen und technischer Unterstützung, die er auch nach jahrelanger Erfahrung noch zu schätzen weiß. „Wir folgen genau den Empfehlungen zur Pflanzenpflege“, ergänzt er. Benachbarte Landwirte aus der Region nehmen sich Oliveiras Plantage mittlerweile zum Vorbild. „Sie kommen vorbei, um die Pflanzen zu sehen und zu fragen, wie wir sie behandeln.“

Bayer Spezialist Bruno Polonio und Expedito Alves Oliveira
Bayer Spezialist Bruno Polonio und Expedito Alves Oliveira
Spezialisten wie Bruno Polonio von Bayer stehen Oliveira mit Rat bei Seite und unterstützen ihn auch bei technischen Fragen.

Arabica versus Robusta

Vergleichende Gegenüberstellung von Arabica- und Robusta-Kaffee

Der Unterschied liegt für Oliveira oftmals in der Bereitschaft zum Zuhören und Lernen. „Ich folge den Anweisungen der Agrarberater, doch viele meiner Kollegen nicht unbedingt. Sie kaufen Produkte, aber wenden sie nicht sorgfältig an.“

Doch manchmal genügt es nicht, den Anweisungen der Experten zu folgen. Oliveira wünscht sich bessere Versicherungsmodelle für Nutzpflanzen, vor allem um sich vor unvorhersehbaren extremen Wetterlagen zu schützen. Trotz aller Schwierigkeiten gilt Oliveiras Leidenschaft seiner Plantage.

„Mein Vater hat 15 Kinder großgezogen und alle leben hier. Sie haben eigene Familien gegründet und kümmern sich um das Land. Der Kaffee hält unsere Familie zusammen.“

Ungewissheit im brasilianischen Tiefland

Fast 60 Kilometer nordöstlich von Santana da Vargem liegt im Tiefland die Gemeinde Café Campinho. Einer der 50 Kaffeebauern der Region ist der 38-jährige Hemerson Ferreira Carvalho. Er ist hier geboren und aufgewachsen. Seit 20 Jahren baut er Kaffee an.

Er bewirtschaftet zehn Hektar Land gemeinsam mit seinem Bruder und seinem Schwager. Seine Plantage zählt als Kleinbetrieb für Anbau und Produktion. Doch seine Herausforderungen sind alles andere als klein. „Obwohl Café Campinho in einer Tieflandregion liegt und wir Maschinen einsetzen können, sind Arbeit und Produktion kostspielig“, sagt er. Doch etwas anderes macht ihm größere Sorgen: „Die unregelmäßigen Regenfälle, die manchmal auch ganz ausbleiben, beeinträchtigen die Plantagen. In manchen Jahren verloren wir Teile unserer Produktion durch fehlenden Regen oder Hagel. So etwas kommt nicht häufig vor, doch wenn, dann ist die Ernte ruiniert.“

Carvalho und seine Familie meistern die Situation mit vielen Strategien. Präventive Maßnahmen sind der Schlüssel. „Wir planen mit Agraringenieuren anhand der Wetter- und Saisonvorhersagen, und wir kontrollieren regelmäßig den Kaffee. Die Berater prüfen die Pflanzen und planen die Pflanzenschutzmaßnahmen.“

Carvalho und seine Kollegen aus der Region nehmen an dem Programm „Demand Generation“ von Bayer teil. Dieses bietet Fortbildungen und technische Beratung. Die Kaffeebauern kooperieren und lernen voneinander ebenso viel wie von den Experten. „Wir arbeiten zusammen, teilen unsere Erfahrungen und Ideen und stellen Fragen“, erklärt Carvalho. „Das Programm hat uns die Augen geöffnet.“

Teilnehmer in Bayers Demand Generation Programm: Hermerson Ferreira de Carvalho

Steigende Einkommen ermöglichen es uns, besseren Kaffee zu produzieren und unseren Familien ein besseres Leben zu bieten.

Hermerson Ferreira Carvalho nimmt an dem Programm „Demand Generation“ von Bayer in Brasilien teil.

Den Erwartungen trotzen

Normalerweise rechnen die Landwirte im Tiefland mit ungefähr sechs Säcken Kaffee pro Hektar – oder hochgerechnet 60 Säcke für zehn Hektar Land. Carvalho ist sich sicher, mit Fortbildungen und Kommunikation können Landwirte ihre Ergebnisse steigern. „Seit ich an dem Programm teilnehme, habe ich pro Hektar bis zu 15 Säcke mehr produziert.“

Die Produktionssteigerung hat sein Leben verändert, sagt de Carvalho. „Mit dem wachsenden Gewinn kann ich Investitionen zurückzahlen und habe noch Geld übrig, trotz der unsteten Zeiten. Wir machen besseren Kaffee.“ Stolz ergänzt er: „Wir können unseren Familien ein besseres Leben bieten“.

Überlebenskampf für Vietnams Kaffeehauptstadt

Die Liste der Krankheiten und Schädlinge, die der Kaffeebauer Le Van Thong in der vergangenen Saison bekämpfen musste, ähnelt einer Seite aus einer Gartenbau-Enzyklopädie. „Bis jetzt hatten wir Schmierläuse und viele verschiedene Bohrkäfer.“ Und das ist noch lange nicht alles. „Wir haben auch Probleme mit Rostkrankheiten, Blattfäule, Baumkrebs und anderen Krankheiten, die unsere Ernte, Qualität und Gewinne beeinträchtigt haben.“

Mit der Tröpfchenbewässerung verbrauche ich weniger Wasser und kann direkt Düngemittel hinzugeben.

Der vietnamesische Kaffeebauer Le Van Thong baut seit etwa 40 Jahren Kaffee der Sorte Robusta an.

Van Thong lebt und arbeitet in Buon Ma Thuot, der Hauptstadt der Dak Lak Region im zentralen Hochland Vietnams. Hier leben ungefähr 300.000 Menschen und sie ist die größte Stadt der Region. Buon Ma Thuot ist auch als die „Hauptstadt des Kaffees“ bekannt, denn hier wird auf 200.000 Hektar Land Kaffee angebaut.

Seit 40 Jahren hat sich Van Thong auf die Kaffeesorte Robusta spezialisiert. Wie bei vielen seiner Kollegen in der Region ist die Anbaufläche klein: zwei Hektar, komplett mit Kaffee bepflanzt. Glücklicherweise steigt der Bedarf für Kaffee seit 20 Jahren und Van Thong nutzte dies, um durch Planung und Hingabe die Kaffeeproduktion zu steigern.

Doch nicht nur der Kaffeebedarf stieg in den vergangenen 20 Jahren, auch das Klima veränderte sich und wurde zu einer stetigen Herausforderung. Dadurch stiegen die Probleme mit Schädlingen und Pflanzenkrankheiten. Wann und wie diese bekämpft werden können, lässt sich durch die Klimaveränderungen nur noch schwer vorhersagen. Van Thong sieht dafür keine kurzfristige Lösung. „Ich befürchte, dass Dürren durch den Klimawandel noch intensiver und schwerer vorhersagbar werden.“

Vietnam - Buon Ma Thuot
Vietnam - Buon Ma Thuot

Tröpfchenbewässerung

Effiziente Wassernutzung: Sowohl Wasser als auch Pflanzenschutzprodukte können über die kleinen Löcher der Schläuche verteilt werden.

Effizientes Wassermanagement

In den vergangenen Jahren sorgte Wassermangel laut Van Thong zu Schäden an den umliegenden Kaffeeplantagen. Deshalb sind Van Thongs engste Verbündete Bewässerungssysteme wie zum Beispiel die Tröpfchenbewässerung. „Ich benötige damit weniger Wasser und kann beim Bewässern Düngemittel hinzugeben. Die Pflanzen wachsen so gleichmäßiger.“

Er freut sich, dass die vietnamesische Regierung die Einführung neuer Technologien und Bewässerungssysteme unterstützt. „Landwirtschaftliche Technologien helfen, die Ernteerträge und Produktqualität zu erhöhen. Gleichzeitig sinken die Arbeitskosten.“

Durch den Kaffeeanbau konnten Le Van Thong und andere Landwirte der Region ihren Lebensstandard verbessern. Sie konnten in eine gute Ausbildung ihrer Kinder investieren sowie die Infrastruktur und Ressourcen ihrer Gemeinden verbessern. Doch für Van Thong ist der größte Vorteil von höheren Ernteerträgen etwas anderes: „Ich habe mehr Zeit für meine Familie.“

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Landwirtschaft im Wandel - Die nächste Generation ist bereit