Nachhaltige Landwirtschaft mit Zwischenfrüchten

Schutz aus den
eigenen Reihen

Nachhaltige Landwirtschaft mit Zwischenfrüchten
Nachhaltige Landwirtschaft mit Zwischenfrüchten
Landwirte versuchen, ihr Land so gut wie möglich zu nutzen. Eine große Ernte ist jedoch nicht ihr einziges Ziel. Farmer in den USA setzen vermehrt auf Zwischenfrüchte, um die Felder nachhaltiger zu bewirtschaften.
Annie Dee kniet auf dem Feld
Annie Dee kniet auf dem Feld
Annie Dee

Entlang der Felder der Dee River Ranch in Aliceville, Alabama, fällt die besondere Pflanzkombination ins Auge: Hat man Glück und fährt am richtigen Tag vorbei, kann man beobachten, wie die Besitzerin Annie Dee auf dem Feld kniet und kleine Rettichpflanzen zwischen hochgewachsenen Sonnenblumen hervorzieht. Auch wenn diese auf den ersten Blick nicht auf das Feld passen, erfüllen die Rettichpflanzen eine wichtige Funktion: Sie unterstützen die Sonnenblumen, die daneben wachsen. Auf Dees 4.000 Hektar-Betrieb, nahe der Grenze zum US-Bundesstaat Mississippi, wird hauptsächlich Mais, Weizen, Sonnenblumen und Sojabohnen angebaut. Zusätzlich züchtet Dee auch Rinder. Oft halten Passanten auf dem Bauernhof an und fragen nach der ungewöhnlichen Pflanzenkombination auf den Feldern. „Die Menschen sind neugierig und möchten wissen, wieso Landwirte Zwischenfrüchte verwenden“, sagt Dee. „Im Laufe der Zeit und mit zunehmendem Erfolg werden sicherlich immer mehr Landwirte Zwischenfrüchte anbauen.“

Annie Dees Methode entspricht dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Forscher sind sich einig, dass der Anbau von Zwischenfrüchten zu den besten Methoden der Landwirtschaft gehört. „Das liegt daran, dass Zwischenfrüchte viele Vorteile für die Umwelt bieten“, erklärt Dr. Robert Myers, außerordentlicher Professor der Abteilung für Pflanzenwissenschaften der Universität von Missouri. „Einerseits helfen die Zwischenfrüchte, Erosion zu vermeiden und andererseits tragen sie dazu bei, Stickstoff und Phosphor auf dem Feld zu halten. Diese Nähstoffe bleiben für die Pflanzen verfügbar und gelangen nicht in unsere Wasserversorgung.“ Außerdem helfen Zwischenfrüchte im Kampf gegen den Klimawandel: Sie geben Kohlenstoff an den Boden ab. „Böden sind der größte Speicher für Kohlenstoff und gleichzeitig eine der wichtigsten natürlichen Quellen für atmosphärisches Kohlenstoffdioxid. Das ist ein wirklich großer Umweltaspekt bei Zwischenfrüchten.“

Nutzung der Zwischenfrüchte

Im Laufe der Zeit und mit zunehmendem Erfolg der Landwirte, die Zwischenfrüchte verwenden, werden andere Landwirte ihrem Beispiel folgen.

Annie Dee

Zwischenfrüchte sind Non-Profit-Früchte: Wie der Name vermuten lässt, werden sie zwischen die anderen gewinnbringenden Früchte gesät. In der Regel werden sie nur wenige Wochen nach der Ernte der Hauptfrüchte und vor der nächsten Aussaat ausgebracht. Zwischenfrüchte lassen sich in drei Kategorien aufteilen. Zur ersten Kategorie gehören Hülsenfrüchte wie Klee, Erbse und Wicke. Hülsenfrüchte leben in Symbiose mit Bakterien, die Luftstickstoff fixieren und den Feldfrüchten zur Verfügung stellen. Die zweite Art der Zwischenfrüchte umfasst Gräser wie Roggen, Weizen, Gerste und Triticale – die beliebtesten Zwischenfrüchte in den USA. Anstatt als Getreide geerntet zu werden, werden diese Gräser als Bodendecker angebaut und entfernt, bevor ihre Samen ausfallen. Die dritte Kategorie der Zwischenfrüchte umfasst Arten aus der Familie der Kreuzblütengewächse. Eine Zwischenfrucht dieser Kategorie ist Rettich. Auch er ist in den USA sehr beliebt geworden. Nach Roggen ist Rettich die zweithäufigste Zwischenfrucht in den USA. Außerdem sind auch Rübsen und Raps gängige Zwischenfrüchte.

112

Behaarte Wicke und Rotklee liefern während der Aussaat rund 112 Kilogramm pro Hektar Stickstoff an die nächste Hauptkultur.

Quelle: SARE

Kleine Pflanzen mit großer Wirkung

Neben seiner Lehrtätigkeit im Fachbereich der Pflanzenwissenschaften an der Universität von Missouri ist Dr. Myers als Regionaldirektor für das Nachhaltigkeitsprogramm „Sustainable Agriculture Research and Education“-Programm (SARE) des US-amerikanischen Landwirtschaftsministeriums tätig. SARE hilft den US-Landwirten, landwirtschaftliche Praktiken nachhaltiger zu gestalten. Eine der wichtigsten geförderten Methoden ist der Anbau von Zwischenfrüchten. „Wir haben eine Vielzahl von Programmen, um Landwirte beim Anbau von Zwischenfrüchten zu unterstützen“, erklärt Dr. Myers. „Die einfachen Dinge, die wir anbieten sind Bücher und kurze Publikationen über den Einsatz von Zwischenfrüchten. Darüber hinaus vergeben wir Mittel und Zuschüsse an Organisationen und Landwirte, die versuchen, Zwischenfrüchte zu nutzen. Zusätzlich finanzieren wir auch Universitäten und Non-Profit-Organisationen, damit diese Forschung und Ausbildung zu Zwischenfrüchten betreiben“, sagt Dr. Myers.

Annie Dee begann mit dem Anbau von Zwischenfrüchten, um sich von der Bodenbearbeitung zu lösen und die organische Bodensubstanz der Felder zu erhöhen. Inzwischen wendet ihre Dee River Ranch seit über 20 Jahren keine Methoden der Bodenbearbeitung („no-till-farm“) mehr an. Dee selbst wurde 2017 mit dem „National No-Till Innovator“-Preis in der Kategorie Pflanzenbau ausgezeichnet. „Durch die Zwischenfrüchte haben wir die organische Substanz und damit die Wasserspeicherkapazität des Bodens erhöht“, fügt sie hinzu. „Zwischenfrüchte steigern die mikrobielle Aktivität und die Kationenaustauschkapazität (KAK) des Bodens.“ Das ist ein Maß dafür, wie viele positiv geladene Ionen (Kationen) auf der Oberfläche von Bodenpartikeln zurückgehalten werden können. Die KAK eines Bodens beeinflusst seine Fähigkeit, essenzielle Nährstoffe wie Kalzium, Magnesium und Kalium zu binden und bietet einen Schutz gegen Versauerung.

3.000

Die Verwendung von Gründüngung, zum Beispiel Zwischenfrüchten, ist nach alten chinesischen Manuskripten wahrscheinlich mehr als 3.000 Jahre alt.

Quelle: SARE

Auch bei der Unkrautbekämpfung bieten Zwischenfrüchte dem Landwirt zusätzliche Möglichkeiten. Die Pflanzen könnten daher eine zunehmende Rolle im Kampf gegen Herbizidresistenzen spielen. „Forschungen an der Universität von Illinois zeigen: Die Aussaat von Roggen kann als Zwischenfrucht (mit einer Saatgutmenge von 45 Kilogramm pro Hektar) vor Sojabohnen eine 98-prozentige Kontrolle des Kanadischem Berufkrauts (Erigeron canadensis) ermöglichen“, sagt Chad Watts, Generaldirektor für das Conservation Technology Information Center (CTIC) in West Lafayette, Indiana. Das CTIC liefert Informationen zur Unterstützung einer umweltgerechten und wirtschaftlich tragfähigen Entscheidungsfindung in der Landwirtschaft. „Zwischenfrüchte brauchen Platz und Sonnenlicht und unterdrücken so das Keimen von Unkraut“, fährt Watts fort. „Einige der Zwischenfrüchte geben sogar Stoffe in den Boden ab, die das Keimen oder das Wachstum mancher Gräser hemmen.“

Die Verwendung von Zwischenfrüchten bringt Landwirten viele Vorteile.

Kein Licht ohne Schatten

Viele Landwirte haben dennoch Vorbehalte gegen den Anbau von Zwischenfrüchten. Sie sehen Probleme im Zusammenspiel mit ihren anderen Kulturen. „Der größte Faktor, der Landwirte abhält Zwischenfrüchte zu auszusäen, ist der Zeitmangel im Herbst. Landwirte sind dann damit beschäftigt, ihr Sommergetreide zu ernten und die Felder für die nächste Anbauperiode vorzubereiten“, erklärt Dr. Myers von SARE. Allerdings gibt es auch dafür Lösungen: „Landwirte können bereits vor der Ernte der Hauptkultur Zwischenfrüchte pflanzen – zum Beispiel, indem sie das Saatgut mit einem Flugzeug ausbringen, während der Mais noch nicht abgeerntet ist. Sie können das bereits einen Monat vor der Maisernte tun, und schon fangen die Zwischenfrüchte an zu wachsen.“ Auch Dee ist von dieser Technik überzeugt. „Wir haben großen Erfolg gehabt, indem wir über unsere Felder flogen, um das Saatgut bis zu einem Monat vor der Ernte von Mais- und Sojapflanzen zu verteilen. Diese Methode bringt das Saatgut unter die Pflanzen. Das trägt dazu bei, dass das Saatgut mit dem Boden in Kontakt kommt und wächst, sobald die Hauptkultur geerntet ist.“

Ein Hindernis für den Einsatz von Zwischenfrüchten sind für Landwirte oft die Kosten für das Saatgut. Eine Lösung sind staatliche Programme in den USA, die die Saatgutkosten übernehmen und den Anbau von Zwischenfrüchten attraktiver machen. „Diese Programme reichen zwar nicht aus, um Zwischenfrüchte für die gesamte Anbaufläche zu bezahlen“, erklärt Dr. Myers, „erleichtern den Landwirten aber den Einstieg.“

Dr. Robert Myers

In den USA nimmt der Einsatz von Zwischenfrüchten stetig zu. Von 2010 bis 2018 ist die Nutzung um rund 15 Prozent pro Jahr gestiegen.

Dr. Robert Myers
8.000.000

In den USA machten Zwischenfrüchte 2017 rund acht Millionen Hektar der Ackerfläche aus. Das sind weniger als zehn Prozent der gesamten Agrarfläche.

Quelle: Dr. Robert Myers

Sowohl der Saattermin als auch der kontinuierliche Einsatz von Zwischenfrüchten sind entscheidend. Mittlerweile setzt Dee erfolgreich Zwischenfrüchte ein, das ist ihr aber nicht von Anfang an gelungen. „Zuerst haben wir zu dicht gesät. Inzwischen haben wir gelernt, dass es besser ist, weniger Samen zu nehmen und die Pflanzdichte zu verringern. Die Zwischenfrüchte lassen sich leichter vor der Aussaat der Hauptkulturen mit Herbiziden entfernen. Man muss auf den Feldern experimentieren und herausfinden, was am besten funktioniert.“

Gute Aussichten für Zwischenfrüchte 

Für die Zukunft sieht Dr. Myers gute Aussichten für die Zwischenfrüchte. „Der große neue Schwerpunkt in der nachhaltigen Landwirtschaft liegt auf der Bodengesundheit und -biologie. Das Wissen um Mikroben, Pilze und Regenwürmer, die für die Gesundheit des Bodens notwendig sind, führt einem gesteigerten Interesse an der Verwendung von Zwischenfrüchten.“ Derzeit werden in den USA nur auf weniger als zehn Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche Zwischenfrüchte angebaut. Doch ihr Einsatz stieg in den vergangenen neun Jahren um etwa 15 Prozent pro Jahr. „Im Moment werden Zwischenfrüchte in den USA auf etwa acht Millionen Hektar Land angebaut, weit mehr als je zuvor“, sagt Dr. Myers. Und jetzt, wo viele US-Farmen vor einem Generationswechsel stehen – das Durchschnittsalter der US-Farmer liegt bei fast 60 Jahren – wird man sich bewusst, dass neue, nachhaltige Anbautechniken notwendig und erwünscht sind. „Die nächste Generation junger Landwirte muss noch ausgebildet werden“, sagt Dr. Myers. „Das ist Herausforderung und Chance zugleich. Sie wird in ihrer Ausbildung mit Sicherheit aber sehr viel über Zwischenfrüchte lernen.“

Bedeutung von Zwischenfrüchten in Europa

Um Mittel aus der sogenannten zweiten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP; ein System von Agrarsubventionen) der EU zu erhalten, müssen Betriebe in Europa mit mehr als 15 Hektar Ackerland seit dem Jahr 2015 in der Regel 5 Prozent der Ackerfläche als ökologische Schwerpunktgebiete ausweisen. Zwischenfrüchte sind eine Möglichkeit, um dieser Bestimmung nachzukommen. In Deutschland beispielsweise lag der Anteil der Zwischenfrüchte an allen ökologischen Maßnahmen im Jahr 2015 bei 68 Prozent.
Quellen: Deutscher Bauernverband; Zinngrebe et al. (2017): The EU’s ecological focus areas – How experts explain farmers’ choices, in Germany. Land Use Policy, Vol. 65, p. 93-108

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