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Mission: Unmögliches möglich machen

Sie existiert in finsteren, eisigen Landschaften ebenso wie in gleißend heller, ofenheißer Luft. Sie funktioniert in den Tiefen des Meeres, in Schluchten der Erde und weit über uns, an den Hängen hoher Gebirgszüge. Es gibt sie sogar im Weltall. Diese Art von Landwirtschaft, ihre Betreiber und deren Beweggründe sind ganz unterschiedlich.

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Mission: Unmögliches möglich machen

Anbau unter Extrembedingungen

Für manche Landwirte geht es darum, sich selbst versorgen zu können und Ideen umzusetzen. In tiefen Schluchten und auf steilen Hängen Landwirtschaft zu betreiben, ermöglicht es einigen Anbauern zum Beispiel einheimische Nutzpflanzen weiterzuentwickeln und traditionelle Anbaumethoden zu praktizieren. Für andere geht es bei extremer Landwirtschaft darum, die Beschränkungen akademischer Forschung und Wissenschaft zu testen: Wo liegen die Grenzen der Landwirtschaft? Was können wir unter Wasser anbauen, im All oder sogar auf Marsboden?

Beide Gruppen verfolgen die Idee der Unabhängigkeit: Nahrungsmittel müssen nicht aus einigen wenigen zentralen Quellen stammen. Landwirtschaft kann in Lagen und Umgebungen existieren, die zuvor kaum vorstellbar waren. Die Frage ist natürlich: Wie kann dies funktionieren?

Hier sind einige der einzigartigen, ungewöhnlichen und faszinierenden Orte der Landwirtschaft, an denen sich Tradition, menschlicher Einfallsreichtum und Verwirklichung treffen.



Unter dem Meer – Nemos Garten

Wo Pflanzen vor Schädlingen geschützt sind

Es gibt einen Ort, an dem Pflanzen vor Schädlingen sicher sind, eine konstante Temperatur herrscht und reichlich Wasser und Licht zur Verfügung stehen: unter dem Meeresspiegel.

Nahe Noli an der italienischen Mittelmeerküste befindet sich Nemos Garten, ein Projekt der Ocean Reef Group.

Nemos Garten besteht aus sieben Biosphäre-Kugeln unterschiedlicher Form und Größe.

Nemos Garten hat eine Oberfläche von etwa 15 m².

Die Biosphären von Nemos Garten sind auf dem Meeresgrund verankert und schwimmen in unterschiedlichen Tiefen (zwischen 5 und 10 Meter).











Unter dem Meer – Nemos Garten

Ein selbsterhaltendes System

Salzwasser kondensiert im Inneren der Polymer-Kugeln und tropft auf Hydrokultur-Beete mit Kräuter- und Gemüsegärten.

Einmal in Gang gesetzt, ist das System selbsterhaltend. Jetzt sind nur Taucher zur Ernte nötig.

Islands dunkler Himmel

Ein Land mit wenig Tageslicht im Winter

In Islands kalten, dunklen Wintern gibt es nur vier Stunden lang Tageslicht. Als Ausgleich nutzen Landwirte Wärme und Dampf aus geothermalen Quellen, um Gewächshäuser zu beleuchten. Dort ziehen sie Gemüsepflanzen wie Tomaten, Gurken und Zierpflanzen.

Islands dunkler Himmel

Im Land der Gletscher, Geysire und Vulkane

Seit dem Jahr 1924 werden in Island Treibhäuser mit geothermaler Energie beheizt.
Quelle: Orkustofnun

Im Freien sorgt das ganzjährig kühle Klima für weniger Schädlinge.

Islands durchschnittliche Bodentemperaturen können zwischen 20 und 64 Grad Celsius schwanken.

Es herrscht ein ozeanisches Klima mit relativ milden Wintern und kühlen Sommern. Unter diesen Voraussetzungen können auch Kartoffeln, Steckrüben, Karotten, Kohl und Blumenkohl angebaut werden.

Islands dunkler Himmel

Wärme aus der Tiefe der Erde

Geothermale Energie: Dank natürlicher Energiequellen wachsen in Islands Gewächshäusern zahlreiche Kulturpflanzen. Durch zwei bis drei Kilometer tiefe Bohrungen gelangt heißer Dampf unter Hochdruck in das Gewächshaus.

Eine weitere Heizmöglichkeit bietet nach oben geleitetes heißes Quellwasser.











Lanzarotes dunkle Erde

Entstanden aus Vulkanasche

Vulkanausbrüche begruben Lanzarote im 18. Jahrhundert unter schwarzem Kies. Die Landwirte passten sich an und entwickelten enarenado, eine Trockenfeldbau-Methode, die Vulkanasche namens picón nutzt, ein mineralisches Gestein, das Feuchtigkeit absorbiert und Austrocknung verhindert.

Lanzarotes dunkle Erde

Schwarze Asche und Krateranbau

Die Kanarischen Inseln sind vulkanischen Ursprungs, ihr Alter wird auf 30 Millionen Jahre geschätzt. Lanzarote war die erste der Inseln, die aus dem Meer auftauchte.
Quelle: Canaryforum

Auf den Kanaren ist Wassereinsparung überlebenswichtig. Mit nur 14 cm Niederschlägen im Jahr, regnet es weniger als in Teilen der Sahara.

Trotzdem ernten Lanzarotes Landwirte in dieser kohlschwarzen Erde Trauben, Mandeln und andere Früchte.

Lanzarotes dunkle Erde

Schützende Weinberg-Ringe

Krater und Kreise: Für den Weinanbau werden kleine Krater mit Zocos umgeben. Diese Steinmauern bilden Halbkreise aus Vulkangestein.

Für jeden Rebstock eigens errichtet, bieten die Zocos dringend nötigen Schutz vor den mitunter heftigen Winden. Sie halten die Feuchtigkeit im Boden zurück und lassen die Reben gedeihen.











Perus große Tiefen

Die Abgründe

Im bis zu 3.400 Meter tiefen Colca Canyon im südlichen Peru bewirtschaften Landwirte ihre Felder auf Plateaus und Terrassen, die zum Teil noch auf die Inkas zurückgehen. Pirkas, mörtelfreie Natursteinmauern, stützen den Boden, verhindern Erdrutsche und speichern Regenwasser.

Heute wie damals wählen die Landwirte die Pflanzen – ob Kartoffeln, Bohnen oder Roggen – in Abhängigkeit von Bodenbeschaffenheit und Höhenlage der stufenförmigen Terrassen. Ein uraltes Bewässerungssystem leitet Schmelz- und Flusswasser über Aquädukte auf die Felder.

Perus große Tiefen

Jahrhundertealter Anbau in Schluchten

Zur Vegetation im Colca Canyon gehören mehr als 300 Pflanzenarten,...

...darunter auch Heilpflanzen, die als natürliche Farbstoffe, Treibstoff oder nährstoffreiches Futter für Wild und Nutztiere verwendet werden.

Der Colca Fluss fließt beinahe 100 Kilometer weit durch die Schlucht.

Die durchschnittliche Entfernung zwischen den Bergspitzen und dem Fluss in der Tiefe liegt bei über 3.100 m.
Quelle: Canyontough











Südamerikas hohe Gebirge

Erfolg in der Höhe

Hoch in den südamerikanischen Anden, in Lagen von über 4.000 Metern, kann die dünne Luft Menschen nach Atem ringen lassen. Auch Pflanzen benötigen Sauerstoff, doch für eine Art sind die großen Höhen genau richtig: Quinoa, vor Jahrtausenden von vor-kolumbianischen Zivilisationen gezüchtet und gedeiht auf dem Altiplano, den Hochebenen von Bolivien, Peru und Ecuador, prächtig.

Südamerikas hohe Gebirge

Spezialisten für Höhenlagen

Quinoa überlebt und gedeiht trotz extremer Temperaturschwankungen, fast ohne Regen auch in salzhaltigem Boden. Bis heute ernten viele Bauern die robuste Pflanze mit ihren proteinreichen, essbaren schwarzen, roten und weißen Samen von Hand.

Die Anden erstrecken sich auf 7.500 Kilometer über den südamerikanischen Kontinent und verbinden Ekuador, Chile, Kolumbien, Argentinien, Bolivien und Venezuela.











Myanmars Feuchtgebiete

Gemüseanbau auf der Wasseroberfläche

Da anbaufähiges Land knapp ist, nutzt das Volk der Intha am Inle-See in Myanmar schwimmende Gärten. Durch Druck formen sie aus Wasserhyazinthen bis zu einen Meter dicke Matten, um darauf Gemüse anzubauen. Die Nutzpflanzen heben und senken sich sanft mit dem Wasserstand. Bambusstöcke verankern die Pflanzen im nährstoffreichen Wasser, und die Dorfbauern holen ihre Ernte mit dem Boot ein. Falls nötig, können sie die Matten teilen, versetzen oder verkaufen.

Myanmars Feuchtgebiete

Schwimmende Ernten

Der Inle-See erstreckt sich über 22 Kilometer Länge auf 10 Kilometer Breite in einem Tal, das zwei Gebirgszüge umrahmen.

Die mit Abstand beliebteste Nutzpflanze im Inle-See sind Tomaten – sie machen fast 90 Prozent der Gemüseproduktion dort aus.

Weitere Nutzpflanzen am Inle-See sind Bohnen, Gurken, Kürbis-Gewächse und Blumen.

Teile der US-amerikanischen westlichen Wüsten

Sprinkler-Technologie und Bodenbearbeitung zur rechten Zeit

In Israels Negev-Wüste und in Teilen des US-amerikanischen Westens ist der Boden staubtrocken. Doch dank Kreisbewässerung bedecken saftig-grüne, runde Felder die Landschaft. Ein System aus Schläuchen und Sprinklern bewegt sich kreisförmig um eine zentrale Wasserpumpe und verteilt Wasser auf die Pflanzen.

Luzerne und Getreidearten wie Weizen, Gerste und Hafer sind die am weitesten verbreiteten Nutzpflanzen in den US-amerikanischen Trockengebieten. Aber auch Zwiebeln, Karotten, Kartoffeln und sogar Kirschen, Pfirsiche und Trauben wachsen auf den Wüstenfeldern.











Israels Negev-Wüste

Braun wird Grün

Eine andere Methode ist der Trockenanbau: Der Boden wird genau zur rechten Zeit gepflügt, um den feuchten Untergrund unter einer Schicht von trockenem Oberbodens zu versiegeln. Diese Methode zwingt die Pflanzen dazu, tiefere Wurzeln auszubilden. Obgleich der Ertrag bis zu einem Drittel geringer sein kann als auf einem normalen Feld, lassen sich durch Dry Farming in diesen trockenen Ebenen Tomaten, Melonen, Kürbisse, Kartoffeln, Knoblauch und Trauben anbauen.

Die Negev-Wüste erstreckt sich über 12.000 km2 in Israels Süden – sie bedeckt mehr als die Hälfte des Landes.

Die Tomaten-Erträge in der Negev-Wüste sind bis zu vier Mal so groß, wie irgendwo sonst auf der Welt.
Quelle: Tourist Israel











Im Weltall

Raketen-Forschung

Können Pflanzen ohne Schwerkraft wachsen? Mit ein wenig Hilfe schon. Damit Substrat und Wasser in der schwerelosen Umgebung nicht davon schweben, kleben Astronauten in der Internationalen Raumstation (ISS) Saatgut auf ein „Pflanz-Kissen”, das Erde, Dünger und Nährstoffe enthält. Rote und blaue LEDs liefern Licht für die Fotosynthese und informieren die Pflanzen, wo oben ist. Blühende Zinnien und ein kleiner roter Römersalat sind das Ergebnis. Weltall-Landwirte kämpfen noch mit zu hoher Feuchtigkeit und Schimmel, aber sie hoffen, dass bei künftigen Einsätzen Gerichte aus eigenem Anbau auf der Speisekarte stehen.

Die NASA erzeugt 370 Kilometer über der Erde Gemüse.
Quelle: Food24

Salat der NASA wächst unter hellrosa LED-Lampen und ist nach 28 Tagen erntereif.
Quelle: Modern Farmer











Fazit: Neue Dimensionen

Einfallsreichtum und modernes Know-how erlauben scheinbar unmögliche Landwirtschaftsprojekte an Orten, die auf den ersten Blick völlig ungeeignet erscheinen. Mittlerweile arbeiten Ingenieure, Technik-Experten und Geschäftsleute gemeinsam daran, innovative Wege zu finden, Nahrung auch in urbanen Bereichen anzubauen (Bitte beachten Sie dazu auch unsere Reportage „Die Senkrechtstarter“). In Zeiten eines sich wandelnden Klimas und steigender Weltbevölkerung zeigen die Beispiele von Anbau unter extremen Bedingungen – ob an Land, unter Wasser oder sogar im Weltall – dass Landwirtschaft auch an den unwahrscheinlichsten Orten möglich ist.

Welches sind Ihrer Ansicht die kommenden Herausforderungen der Landwirtschaft?
Schreiben Sie uns!

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